Seinen ersten Rausch holte er sich auf einem Schmaus, den die Kameraden in einem Wirtshause im Tiergarten veranstalteten. Der Rausch machte ihn selig, selig froh, stark, freundlich und mild; später aber wahnsinnig. Er schwatzte Unsinn, sah Bilder in den Tellern, trieb Possen.
Dieses Spielen kam ihm in Augenblicken, wie dem ältesten Bruder, der, obwohl tiefer Melancholiker in der Jugend, doch einen gewissen Ruf als Komiker hatte. Er verkleidete sich, maskierte sich und spielte eine Rolle. Sie hatten auch ein Stück auf dem Boden gespielt; aber Johan war schlecht, fühlte sich verlegen; er war nur gut, wenn er eine überspannte Stelle wiederzugeben hatte. Als Komiker war er unmöglich.
Jetzt tritt ein neues Moment in die Entwicklung des Jünglings ein. Das ist die Ästhetik.
In Vaters Bücherschrank hatte Johan Lenströms Ästhetik, Boijes Malerlexikon, Oulibicheffs Mozart gefunden; außer den schon erwähnten klassischen Dichtern. Aus einem Nachlaß kam zu dieser Zeit auch ein großer Ballen Remittenden eines Verlages. Der trug viel dazu bei, daß Johan früh Kenntnisse in der schönen Literatur erwarb.
Da waren in mehreren Exemplaren die Gedichte von Talis Qualis, die er ungenießbar fand. Byrons „Don Juan‟ in Strandbergs Übersetzung konnte er nie Geschmack abgewinnen, denn die beschreibende Poesie haßte er und Verse liebte er nicht; die übersprang er regelmäßig, wenn sie in Prosa vorkamen. Tassos „Befreites Jerusalem‟ in Kullbergs Übersetzung war langweilig. Carl von Zeipels Erzählungen unmöglich. Walter Scotts Romane zu lang, besonders die Schilderungen. (Darum verstand er Zolas Größe nicht, als er nach vielen Jahren dessen überladene Schilderungen las; daß die nicht fähig waren, einen Totaleindruck zu geben, davon hatte Lessings „Laokoon‟ ihn überzeugt.) Dickens blies Leben in seine leblosen Gegenstände und stellte etwas mit ihnen dar; stimmte die Landschaft mit Mensch und Situation. Das verstand Johan besser. Eugen Sues „Wandernden Juden‟ fand er großartig; den wollte er kaum zu den Romanen rechnen, denn „Roman‟ war etwas aus der Leihbibliothek und Mädchenkammer. Dies aber war eine weltgeschichtliche Dichtung, meinte er, und der Sozialismus darin fand leicht Eingang bei ihm. Alexander Dumas' Romane waren für ihn Indianerbücher; mit denen begnügte er sich nicht mehr; jetzt mußte er einen Inhalt haben. Den ganzen Shakespeare verschlang er in Hagbergs Übersetzung. Aber es wurde ihm immer schwer, Dramen zu lesen, weil das Auge von den Personennamen zum Text springen mußte. Seine übertriebenen Erwartungen von „Hamlet‟ erfüllten sich nicht, und die Lustspiele schienen ihm reiner Schund zu sein.
Die Familie hielt sich verwandt mit Holmbergsson, dessen Bild an der Wand hing und von dem man Geschichten erzählte. Er war wohl ein Vetter des Vaters. Schillers und Goethes Büsten standen auf dem Bücherschrank, und über dem Klavier hingen Bilder aller großen Komponisten. „Lithographisches Allerlei‟ wurde gehalten, in dem die großen Künstler der Zeit ihren Lebenslauf erhielten. Der Vater war Mitglied des „Vereins für nordische Kunst‟; liebte, wie schon erwähnt, Musik, spielte Klavier und etwas Cello. Die erwachsenen Söhne und die älteste Tochter veranstalteten jetzt Geigenquartette, und zwar nur von Haydn, Mozart und Beethoven. Das Elternhaus hatte also einen leichten Anflug von Kunstliebhaberei erhalten, nachdem es die kleinen Verhältnisse eines dürftigen Bürgerhauses durchgemacht.
In der Schule hatte Johan Svedboms Lesebuch und Bjurstens Literaturgeschichte gelesen, die letzte unter Bjursten selbst in der Klaraschule. Ein Junge wußte, daß Bjursten ein Dichter war. Was bedeutete Dichter? Ja, das wußte niemand so genau. Später pflegte Johan seinen dichtenden Freunden zu erzählen, wie er von Herman Bjursten bestraft wurde, weil er während der Stunde ein Märchenbuch las. Das sollte ein Vorzeichen für seinen künftigen Beruf sein, wie man damals glaubte. Noch später, als man Bjursten geringschätzte, wurde die Geschichte als Spaß erzählt.
An der Privatlehranstalt wurde die schöne Literatur recht gut vom Lehrer der schwedischen Sprache gepflegt, der etwas literarisch war. In der vierten Klasse hatten sie Runebergs „Fähnrich Stahl‟ gelesen. Der Direktor, der Lateiner war, fragte eines Tages, was sie lesen:
— „Fähnrich Stahl‟!