— Den müssen Sie nicht lesen; der verschlechtert den Geschmack, sagte er zum Lehrer, der damals ein Regimentspastor und Naturforscher war. Realismus, Barbarei!

Der spätere Lehrer hatte bessern Geschmack. Man mußte Runebergs langweilige „Könige von Salamis‟ lesen, die damals in allen gebildeten Familien vorgelesen wurden. Ein literarischer Verein war gebildet worden, und dort las man an den Feiertagen Gedichte. Fritz hatte ein großes Gedicht geschrieben, das von der Ritterholmskirche handelte und „Die schwedische Nekropolis‟ hieß. Es ging nach der Melodie: „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟ und war wohl recht schlecht.

Johan konnte Poesie nicht leiden. Die sei gemacht, unwahr, fand er. Die Menschen sprachen nicht auf diese Weise und sprachen selten so schöne Dinge. Jetzt aber wurde er aufgefordert, einen Vers in Fannys Album zu schreiben.

— Dazu kannst du dich wohl aufschwingen, sagte der Freund.

Johan saß die Nächte auf, kam aber nicht über die beiden ersten Zeilen hinaus; auch wußte er nicht, was für einen Inhalt er nehmen solle. Seine Gefühle konnte man doch nicht so vor allen Leuten auskramen. Fritz half ihm schließlich, und zusammen kamen sechs oder acht Reihen, die reimten. Snoilskys später so bekannter Sperling auf der Fensterscheibe aus dem „Weihnachtsabend in Rom‟ mußte Federn dazu hergeben. Eigentümlich war, daß Fritz seitdem nie mehr im Leben einen Vers schrieb.

Der Begriff „Genie‟ war oft Gegenstand der Erörterung. Der Lehrer pflegte zu sagen: die Genies stehen über allem Rang wie die Exzellenzen. Johan dachte über dieses Wort viel nach und meinte, auf diese Weise könne man auf die gleiche Höhe wie die Exzellenzen kommen, ohne hoch geboren zu sein, ohne Geld zu haben, ohne Karriere zu machen. Was aber Genie war, wußte er nicht. Er äußerte einmal in einem empfindsamen Augenblick zu der Freundin, er wolle lieber ein Genie sein als ein Kind Gottes; dafür hatte er eine scharfe Zurechtweisung erhalten. Ein andermal sagte er zu Fritz, er möchte ein gelehrter Professor sein, der wie ein Strolch gekleidet sein und sich roh benehmen könne, ohne sein Ansehen zu verlieren. Wenn aber jemand fragte, was er werden wolle, antwortete er: Geistlicher. Er sah, daß alle Bauernjungen das werden konnten, und er glaubte, das passe für ihn. Als er Freidenker geworden war, wollte er den Doktor machen. Und dann? Das wußte er nicht. Aber Lehrer wollte er um keinen Preis werden.

Der Lehrer war natürlich Idealist. Braun war Barbierstubendichter; Sehlstedt war nett, aber ohne Idealismus; Bjurstens „Napoleon-Prometheus‟ mußte laut gelesen werden; das Dekameron, das damals in schwedischer Übersetzung erschien, konnte ohne Gefahr nur von starken Charakteren verdaut werden, war sonst eine klassische Arbeit; Runeberg war in den „Elchschützen‟ ein starker Realist in der Form, wurde aber zuweilen roh, wo er klassisch einfach sein wollte; so in dem verlausten „Aron am Herd‟.

Zu Weihnachten bekam Johan zwei Bände Gedichte von Fritz: Topelius und Nyblom. Topelius lernte er allmählich lieben, weil der Liebesqualen Worte lieh und in den „Träumen des Jünglings‟ das damalige Ideal für einen Jüngling formulierte. Nyblom war dürftig als Poet, spielte aber eine gewisse Rolle als Vertreter der Ästhetik, teils durch seine italienischen Briefe an die „Illustrierte Zeitung‟, teils durch seine Vorlesungen für Damen, die er in der Börse hielt. Nyblom war noch in seinen Vorlesungen kein gesunder Realist, sondern Verehrer der Antike.

Eine größere Bedeutung hatte das Theater, das ein starkes Bildungsmittel für Jugend und Ungebildete sein kann, die sich noch von bemalter Leinwand und unbekannten Schauspielern, mit denen sie noch keine Brüderschaft getrunken haben, täuschen lassen können. Als achtjähriger Knabe hatte Johan ein Stück gesehen, von dem er keine Spur verstand. Es war wohl der „Reiche Oheim‟ von Blanche; alles, was ihm in der Erinnerung geblieben, war ein Herr, der eine silberne Schnupftabaksdose in die See warf und von Rio Janeiro sang. Später sah er Blanches „Engelbrecht‟ und war hingerissen. Und zur selben Zeit den „Besieger des Bösen‟ von dem Dänen Overskou. Dann folgten Opern, die während der pietistischen Periode für gut angesehen wurden, weil sie weniger sündhaft seien. Einmal war er im Dramatischen Theater und erinnerte sich später an den Schauspieler Knut Almlöf in einem französischen Stück „Die schwache Seite‟ und an die Schauspielerin Hammarfeldt im „Ausflug ins Grüne‟.