Die Sittenkomödie der Zeit, die nicht ohne Einfluß war, bestand aus Jolins Stücken: „Müllerfräulein, Meister Smith, Lachen und Weinen, der Schmähschreiber‟. In „Meister Smith‟ wurde bewiesen, laut dem Kompromiß nach den mißlungenen Revolutionen des Jahres 1848, daß wir alle Aristokraten seien. Wie aber diesem Übelstand abzuhelfen sei, davon erfuhr man nicht das geringste. Die Tatsache blieb, und man war zufrieden mit der Tatsache. Im „Müllerfräulein‟ wurde die Revolution von 1865 vorbereitet, denn darin wies Jolin nach, daß der Adel keine höhere Rasse ist. „Der Schmähschreiber‟ machte Aufsehen, weil er unter dem Gesindel der Zeitungsreptile aufräumte: einen Besen warf man dem Autor auf die Bühne. Das Stück war indessen so realistisch — der Autor hatte unter anderm den lebenden Schriftsteller Nybom auf die Bühne gebracht —, daß die Ausfälle, die Jolin später in seinem Alter gegen modernen Realismus machte, nicht befugt waren.

Etwas Angenehmes und Sympathisches hatte Jolin; und seine Bedeutung für das Theater war beinahe größer als die von Blanche, der schließlich zu einem Cliquendichter des Opernkellers herabsank.

Frans Hedberg, der mit dem Pamphlet „Vier Jahre beim Provinztheater‟ eine ärgerliche Aufmerksamkeit erregte und dann durch sein „Sendschreiben an den Theaterdirektor Stedingk‟ die mehr scherzhafte als ernsthafte Aufforderung erzielte, die Schauspielerschule des Theaters zu leiten, rettete sich vom vollständigen Sonnenuntergang durch die „Hochzeit von Ulfåsa‟, die volkstümlich wurde und sowohl „Wermländer‟ wie „Engelbrecht‟ überglänzte.

Die „Hochzeit‟ ist tot, aber Södermanns Marsch lebt. Das Stück hatte übrigens keine Bedeutung in der Entwicklung Johans oder eines andern Zeitgenossen. Es war ein Schattenspiel, hohl wie ein Operntext, und wurde nur von den Damen hochgehalten, denen darin ein Rauchopfer im großen Stile des Mittelalters gebracht wurde. Der unterjochte Mann murrte allerdings und wollte sich in dem Helden Beugt nicht wiedererkennen; das aber wurde nicht so genau genommen.

Von größerer Bedeutung wurde das Erscheinen von Offenbachs Operette auf dem Königlichen Theater. Nachdem der Autor der „Schönen Helena‟ in die Französische Akademie aufgenommen ist, wird es wohl nicht mehr lebensgefährlich sein, wenn man gerecht gegen ihn ist. Halevy und Offenbach waren Israeliten und Pariser unter dem zweiten Kaisertum. Als Israeliten hatten sie keine Pietät vor den Ahnen der europäischen Kultur, vor Griechen und Römern, deren Bildung sie als Morgenländer nicht hatten durchmachen müssen. Als Israeliten waren sie skeptisch gegen abendländische Kultur und am meisten gegen die christliche Moral des Abendlandes. Sie sahen eine christliche Gesellschaft die strengste Moral bekennen und wie Heiden leben. Sie entdeckten den Widerspruch in Lehre und Leben; dieser Widerspruch konnte nur dadurch gelöst werden, daß man die veraltete Lehre änderte; denn das Leben war nicht zu ändern, man hätte denn ins Kloster gehen oder sich kastrieren lassen müssen. Die Menschen waren es müde, heucheln zu müssen; sie freuten sich, daß sie eine neue Moral bekamen, die in voller Übereinstimmung mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur und allgemeiner Sitte stand. Offenbach gefiel, weil die Sinne vorbereitet waren und man allgemein die unbequeme Mönchskutte satt hatte. Dann lieber nackt! Offenbachs Operette packte fest zu, denn sie lachte über die ganze veraltete Kultur des Abendlandes, über Geistlichkeit, Königstum, Speisehaus, Ehe, die zivilisierten Kriege; und über was man lacht, das wird nicht mehr verehrt. Offenbachs Operette hat dieselbe Rolle gespielt wie die Komödie des Aristophanes; ist ein ähnliches Symptom gewesen am Ende einer Kulturperiode und hat darum ihre Aufgabe erfüllt. Sie war scherzhaft, aber Scherz ist gewöhnlich maskierter Ernst. Nach dem Lachen kam der reine Ernst, und da stehen wir jetzt (1886).

Die Juden lächelten beim Ausgang der Epoche über diese Christen, die zwei Jahrtausende lang eine Hölle aus dem fröhlichen Erdenleben zu machen gesucht hatten und jetzt erst einsahen, daß Christi Lehre eine subjektive ist. Für die geistigen Bedürfnisse ihres Urhebers und seiner Zeitgenossen, die unter der römischen Herrschaft seufzten, war sie geeignet, mußte aber den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Die von Natur Positivisten waren und ganze Epochen durchlebt hatten, ohne an Christi Lehre teilzunehmen, sahen jetzt, wie die Christen das Christentum fortwarfen, und sie lächelten. Das war die Rache des Juden und seine Mission in Europa.

Der Jüngling von 1865, der von der Stigmatisierung noch zittert, vom Kampf gegen das Fleisch und den Teufel entnervt ist, dessen Ohren von Glockenläuten und Kirchenliedern gepeinigt worden, kommt in den festlich erleuchteten Zuschauerraum, mit kühnen Jünglingen von guter Geburt und guter Stellung; sieht vom ersten Rang aus diese Bilder des fröhlichen Heidentums sich aufrollen; hört eine Musik, die ursprünglich ist, etwas Gemüt hat, denn Offenbach war germanisiert, liederreich, mutwillig. Schon die Ouvertüre bringt ihn zum Lächeln. Und dann! Der Tempeldienst hinter den Vorhängen erinnert ihn an das Brotbacken in der Küche des Küsters; der Donner erweist sich als eine unverzinnte Eisenplatte; die Göttinnen sind drei schöne Schauspielerinnen; die Götter unsichtbare Regisseure.

Aber hier wurde auch die ganze antike Welt gestrichen. Diese Götter, Göttinnen, Helden, die durch die Lehrbücher einen Anflug von Heiligkeit erhalten hatten, wurden gestürzt. Griechenland und Rom, auf die man sich immer berief als auf den Ursprung aller Bildung, wurden auf ihr richtiges Niveau gebracht. Das war demokratisch, denn nun fühlte man den Druck weniger; und die Furcht, sich nicht so hoch erheben zu können, war einem genommen.

Dann aber kam das Kapitel von der Lebensfreude. Menschen und Götter paarten sich durcheinander, ohne erst zu fragen; Götter halfen jungen Mädchen, alten Greisen zu entlaufen; der Priester tritt aus dem Tempel, da er das Heucheln satt hat, flicht die Weinranke um die feuchte Stirn und tanzt Cancan mit den Hetären.