Das war offenes Spiel! Das nahm Johan auf wie Gottes Wort; er hatte nichts dagegen einzuwenden; es war, wie es sein sollte. War es ungesund? Nein! Aber es aufs Leben anzuwenden, dazu fühlte er kein Verlangen. Es war ja ein Theaterstück; es war unwirklich, und sein Gesichtspunkt war noch der ästhetische.
Was war dies Ästhetische, unter dessen Begriff soviel eingeschmuggelt werden, unter dessen Deckung soviel Zugeständnisse gemacht werden konnten? Ja, Ernst war es nicht; Scherz auch nicht; es war etwas sehr Unbestimmtes. Das Dekameron verherrlichte das Laster, aber sein ästhetischer Wert blieb bestehen. Was war das für ein Wert? Ethisch war das Buch zu verdammen, ästhetisch aber zu loben. Ethisch und ästhetisch! Eine neue Zauberschachtel mit doppeltem Boden, aus der man nach Belieben Mücken oder Kamele hervorholte.
Aber das Stück wurde mit Autorität vom Königlichen Theater gegeben und von den hervorragendsten Künstlern dargestellt; Knut Almlöf selber spielte Menelaus. Der Generalprobe folgte ein Frühstück, bei dem der König und Gardeoffiziere die Wirte machten. Das wußten die Jünglinge durch den Sohn des Kammerherrn, der ihnen Karten gab. Man spielte das Stück beinahe auf höchsten Befehl!
Das Geschrei stieg jedoch ebenso hoch wie das Entzücken. Man konnte nicht mehr sprechen, ohne einen Ausdruck aus der „Schönen Helena‟ zu benutzen. Man konnte Virgil nicht mehr lesen, ohne daß man Achilles mit dem hochnäsigen Achilles übersetzte. Johan sah das Stück erst, als es schon ein halbes Jahr gespielt wurde; deshalb verstand er seinen Lateinlehrer nicht, als der ein Zitat aus der „Schönen Helena‟ gebrauchte. Da fragte der, ob er das Stück nicht gesehen habe. — Nein! — Ist nicht möglich! Aber das müssen Sie sehen! Man mußte es sehen; und er sah es.
Der Lehrer in Literatur, der etwas Pietist war, predigte dagegen und warnte; aber er griff das Stück vorsichtigerweise vom ästhetischen Gesichtspunkte an; sprach von schlechtem Geschmack, simplem Ton. Das machte auf einige Eindruck, und auf des Lehrers Aufforderung gingen diese ästhetischen Snobs in den „Ritter Blaubart‟ und zischten, natürlich, nachdem sie sich gründlich amüsiert hatten.
Das Stück hatte das bedrückte Herz des Jünglings etwas erleichtert und ihn über Götzen lächeln gelehrt; aber auf sein Geschlechtsleben oder seine Auffassung vom Weibe hatte es keinen Einfluß.
Tiefer drang dagegen der schwermütige Hamlet. Wer ist dieser Hamlet, der noch heute lebt, nachdem er zur Zeit Johans des Dritten von Schweden das Rampenlicht erblickt hat? Der noch ebenso jung geblieben ist? Man hat ihn zu so vielem gemacht und zu allen möglichen Zwecken benutzt. Johan nahm ihn sofort für seine in Anspruch.
Der Vorhang geht auf: König und Hof in glänzenden Trachten, Musik und Freude. Dann kommt der blasse Jüngling im Trauergewand und lehnt sich gegen den Stiefvater auf. Aha! Er hat einen Stiefvater! Das ist mindestens ebenso schlimm wie eine Stiefmutter haben, denkt Johan. Das ist mein Mann! Und nun soll er gedemütigt werden, man will ihm Sympathie mit den Tyrannen abzwingen. Das Ich des Jünglings erhebt sich. Empörung! Aber sein Wille ist gelähmt; er droht, aber kann nicht zuschlagen. Er züchtigt jedoch die Mutter! Schade nur, daß es nicht der Stiefvater war! Dann aber kommt die Gewissensqual. Gut, gut! Er ist Grübler, wühlt in seinem Innern, bedenkt seine Handlungen so lange, bis sie sich in nichts auflösen. Und dann liebt er die Braut eines andern. Das stimmt ja vollständig. Johan beginnt zu zweifeln, daß er eine Ausnahme ist. So geht es also gewöhnlich im Leben zu? Schön! Dann muß ich's mir nicht so nahe gehen lassen, darf aber auch kein Original sein wollen.
Der zurechtgehauene Schluß verfehlte seinen Eindruck, wenn ihm auch Horatios schöne Rede etwas aufhalf. Den heillosen Fehler des Bearbeiters, Fortinbras zu streichen, merkte der Jüngling nicht. Aber Horatio, der jetzt der Gegensatz wurde, war kein Gegensatz; er war eine ebensolche Memme wie Hamlet und sagte nur ja und nein. Fortinbras, das war der Mann der Tat, der Sieger, der den Thron heischt; aber er war gestrichen, und nun schloß alles mit „Jammer und Elend‟.
Aber es war schön, sein Schicksal beweinen zu können und sein Schicksal beweint zu sehen. Hamlet blieb für ihn vorläufig nur der Stiefsohn; später wurde er der Grübler; noch später der Sohn, das Opfer für die Familientyrannei. So wächst die Auffassung. Der Schauspieler Schwartz gab den Phantasten, den Romantiker, der sich mit der Wirklichkeit nicht versöhnen kann; mit dieser Auffassung erfüllte er, was der damalige Geschmack verlangte. Eine positivistische Zukunft, welche die Romantik ganz lächerlich gemacht hat, wird vielleicht in Hamlet einen Don Quichotte sehen, der von einem Komiker gespielt wird. Hamletische Jünglinge sind schon längst dem Lächeln verfallen, denn ein neues Geschlecht ist heute (1886) gekommen, das ohne Visionen denkt und handelt, wie es denkt.