11.
Im Vorhof.
(1867)
Der in Upsala einfahrende Dampfer ist an der Domkirche vorbeigekommen; Universität und Bibliothek treten hervor. — Jetzt beginnt das eigentliche Steinwerfen! ruft ein Kamerad aus, einen Ausdruck von den Straßenunruhen von 1864 gebrauchend. — Das eigentliche! Die fröhliche Stimmung, die nach dem Frühstück und dem Punsch geherrscht hat, legt sich; man fühlt, es ist Ernst in der Luft und der Kampf wird beginnen. Man verspricht einander nicht ewige Freundschaft, versichert sich nicht gegenseitig der Hilfe. Die Jugend ist aus dem Rausch der Romantik erwacht. Man weiß, bei der Landung scheidet man voneinander; neue Interessen werden die Schar zerstreuen, die das Klassenzimmer bisher zusammengehalten hat; der Wettstreit wird Bande zerreißen; alles wird vergessen werden. Das eigentliche Steinwerfen wird beginnen.
Johan mietete mit dem Freunde Fritz zusammen ein Zimmer in der Klostergasse. Darin waren zwei Betten, zwei Tische, zwei Stühle und ein Schrank. Es kostete dreißig Kronen fürs Vierteljahr, also fünfzehn Kronen für jeden. Das Mittagessen wurde von der Aufwärterin geholt und kostete zwölf Kronen im Monat, also sechs Kronen für jeden. Morgens und abends wurden ein Glas Milch und ein Butterbrot verzehrt. Das war alles. Holz kaufte man von einem Bauern auf dem Markt, für vier Kronen eine Bauernklafter. Dann erhielt Johan einen Glasballon mit Petroleum von Haus als Geschenk; auch durfte er seine Wäsche nach Stockholm schicken. Er hatte achtzig Kronen in seiner Tischschublade; damit sollte er alle Ausgaben des Vierteljahrs bestreiten.
In eine neue eigentümliche Gesellschaft, die von jeder andern verschieden war, trat er jetzt ein. Sie hatte Vorrechte wie das alte Herrenhaus und eigenen Gerichtsstand. Aber es war eine Kleinstadt; es roch nach Bauern. Alle Professoren waren Bauern, kein einziger Stockholmer. Häuser und Straßen waren die einer typischen Kleinstadt. Und hierher war das Hauptquartier der Bildung verlegt, infolge einer Inkonsequenz der Regierung, die doch ganz sicher die Hauptstädte für die großen Mittelpunkte der Bildung hielt.
Man war Student und als solcher Oberklasse in der Stadt, deren Bürger mit dem verächtlichen Namen „Philister‟ bezeichnet wurden. Der Student stand noch außer und über dem bürgerlichen Gesetz. Fenster einschlagen, Zäune niederbrechen, mit der Polizei raufen, den Straßenfrieden stören, ins Eigentumsrecht eingreifen — war erlaubt, denn es wurde nicht bestraft; höchstens mit einem Verweis, da der alte Karzer im Schlosse nicht mehr benutzt wurde. Ja, man genügte sogar seiner Militärpflicht in eigener Uniform, die Vorrechte genoß. So wurde man planmäßig zum Aristokraten erzogen, bildete einen neuen Herrenstand, nachdem das Herrenhaus gestürzt war. Was für den „Philister‟ ein Verbrechen, war für den Studenten Spiel und Ulk. Auch befand sich der Studentengeist jetzt auf seiner höchsten Höhe infolge einer Sängerfahrt nach Paris. Die studentischen Sänger hatten dort Glück gehabt und wurden bei ihrer Heimkehr als Sieger und Triumphatoren begrüßt.
Johan wollte jetzt auf den Doktor arbeiten, besaß aber kein Buch. — Im ersten Semester muß man sich orientieren, hieß es. Er ging in die Landsmannschaft. Die Landsmannschaft war ein veralteter Überrest der landschaftlichen Verfassung; und zwar so veraltet, daß die annektierten Provinzen Schonen, Halland, Blekinge nicht unter den Landsmannschaften vertreten waren.
Die Landsmannschaft war wie eine wohlgeordnete Gesellschaft in Klassen geteilt, jedoch nicht nach Fähigkeiten, sondern nach Alter und gewissen verdächtigen Verdiensten; und noch stand im Verzeichnis das Wort „Nobilis‟ hinter den Namen der Adeligen. Auf viele Arten konnte man sich in der Landsmannschaft zur Geltung bringen: durch adeligen Namen, Beziehungen, Verwandtschaft, Geld, Talent, Kühnheit, Geschmeidigkeit. Das letzte allein genügte jedoch nicht gegenüber so skeptischen und verständigen jungen Herren.
Am ersten Abend, den er in der Landsmannschaft verbrachte, machte Johan seine Erfahrungen. Alte Kameraden aus der Klaraschule waren in Menge zu treffen; denen wich er aber am liebsten aus und sie ihm. Er hatte die Fahne verlassen und einen Richtweg über die Privatlehranstalt eingeschlagen, während sie ihren Trott durch die staatliche Schule weiter getrabt waren. Nach seinem Eindruck waren sie alle zu korrekt und etwas verkümmert. Fritz dagegen stürzte sich sofort unter die Aristokraten, ließ sich vorstellen, schloß mit Leichtigkeit Bekanntschaften, fühlte sich wohl.