Als sie in der Nacht heimgingen, fragte Johan, wer der Snob sei, der eine Sammetjacke getragen und auf dessen Benoitonkragen[3] Steigbügel gemalt waren. Fritz antwortete, es sei kein Snob; und es sei kleinlich, Leute nach feinen Kleidern zu beurteilen; ebenso kleinlich, wie sie nach schlechten zu beurteilen. Das verstand Johan mit seinen Begriffen aus der Unterklasse nicht und blieb bei seiner Auffassung. Fritz beteuerte, es sei ein überaus netter Mensch; auch sei er Ältester in der Landsmannschaft. Um Johan zu necken, fügte Fritz hinzu, dieser „Snob‟ habe seine Anerkennung über Art und Betragen der Neulinge ausgesprochen; sie besitzen Haltung, habe er gesagt. „Früher sahen die Stockholmer wie Gesellen aus, wenn sie hierher kamen.‟ Johan wurde von dieser Mitteilung verletzt und fühlte, etwas war zwischen sie gekommen. Fritzens Vater war zwar nur Müllerknecht gewesen, aber seine Mutter von adeliger Geburt. Er hatte von seiner Mutter geerbt, was Johan von seiner geerbt.
Die Tage vergingen. Fritz zog jeden Morgen seinen Frack an und ging, um den Professoren den Hof zu machen; er wollte Jurist werden. Da konnte man Karriere machen! Die Juristen allein konnten sich solche Kenntnisse erwerben, die für das öffentliche Leben von Nutzen waren; sie allein konnten in die Organisation der Gesellschaft hineinsehen, mit Handel und Wandel des täglichen Lebens in Kontakt treten. Das waren die Realisten.
Johan hatte keinen Frack, keine Bücher, keine Bekannte.
— Nimm doch meinen Frack, sagte Fritz.
— Nein, ich will mich nicht lieb Kind bei den Professoren machen, sagte Johan.
— Du bist dumm, sagte Fritz.
Da hatte er nicht ganz unrecht. Die Professoren gaben wirklich Auskunft über den Lehrgang, wenn auch unbestimmte. Es war eine Art Hochmut bei Johan, daß er nur der eignen Arbeit sein Fortkommen danken wollte. Was schlimmer war, er hielt es für schimpflich, als Kriecher durchschaut zu werden. Würde nicht ein alter Professor sofort wissen, daß Johan vor ihm kroch? Daß Johan ihn benutzen wollte? Sich Vorgesetzten unterordnen, war nämlich gleichbedeutend mit kriechen.
Alles war übrigens recht unbestimmt. Die Universität, die dem Jüngling als die Hochschule der freien Forschung vor Augen geschwebt hatte, war im Grunde nur eine Prüfungsanstalt; eine Schule mit Pensum und Überhören; nach den Aufgaben aber mußte man Kameraden fragen, denn die Professoren wollten es nicht wahr haben, daß es Aufgaben waren. Sie hielten Vorlesungen des Aussehens halber oder des Gehaltes wegen, und ohne Seminar (Privatstunden) war kein Examen möglich.
Johan beschloß, Vorlesungen zu besuchen, die nichts kosteten. Er ging also in die Universität, um Geschichte der Philosophie zu hören. In der dreiviertel Stunde, welche die Vorlesung dauerte, nahm der Professor die Einleitung zur Ethik des Aristoteles durch. Las er drei Male in der Woche, hätte er also vierzig Jahre gebraucht, um die Geschichte der Philosophie durchzunehmen. Vierzig Jahre, dachte Johan, das dauert zu lange für mich: also ging er nicht mehr hin.
Aber so war es überall. Ein Dozent las über Shakespeares „Heinrich VIII.‟. Er erklärte ihn auf englisch vor einem Publikum von fünf Personen. Johan hörte einige Male zu; merkte aber, daß es zehn Jahre dauern würde, bis der Dozent mit „Heinrich VIII.‟ zu Ende käme.