Es begann ihm jetzt ein Licht aufzugehen, was beim Examen verlangt zu werden pflegte. Das erste war, öffentlich einen lateinischen Aufsatz zu schreiben. Also noch mehr Latein. Das war ihm zuwider. Als Hauptfächer hatte er Ästhetik und lebende Sprachen ausersehen. Aber die Ästhetik umfaßte die Geschichte der Architektur, Skulptur, Malerei, Literatur; dazu die ästhetischen Systeme. Um das alles zu durchdringen, dazu gehörte ein Leben. Lebende Sprachen waren Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch; dazu vergleichende Sprachwissenschaft. Woher sollte er die Bücher nehmen? Und er hatte kein Geld, um Kollegs zu belegen!

Er machte sich indessen an die Ästhetik. Hatte erfahren, daß man auf der Landsmannschaft Bücher leihen könne; so lieh er sich die Teile von Atterboms „Sehern und Dichtern‟, die zufällig vorhanden waren. Sie handelten leider nur über Swedenborg und enthielten Thorilds Briefe. — Ja, aber das sollte man doch wohl um Himmels willen nicht auswendig lernen? Darauf konnte niemand antworten. Swedenborg kam ihm albern vor, und Thorilds Briefe an Per Tamm gingen ihn nichts an.

Swedenborg und Thorild waren zwei echte Schweden, die im Lande der Einsamkeit von der Krankheit der Einsamkeit, dem „Größenwahn‟, ergriffen wurden. Die Krankheit ist in Schweden gerade wegen der abgesonderten Lage und der über eine große Fläche verteilten kleinen Volksmenge recht gewöhnlich und oft ausgebrochen: in Gustav Adolfs Kaiserplänen, Karls X. Ideen von einer europäischen Großmacht, Karls XII. Attilaprojekt, Rudbecks Atlantikamanie; zuletzt in Swedenborgs und Thorilds Phantasien vom Stürmen des Himmels und vom Brande der Welt. Johan kamen sie verrückt vor, und er warf das Buch fort. Und das sollte man lernen?

Er dachte über seine Lage nach. Was sollte er in Upsala tun? Mit achtzig Kronen in sechs Jahren den Doktor machen? Und dann? Darüber hinaus dachte er nicht. Keine größeren Zukunftspläne, keine ehrgeizigeren Träume als: den Doktor machen. Lorbeerkranz, Doktorhut, und dann bis an sein selig Ende Lehrer an der Jakobischule. Nein, das wollte er doch nicht!

Die Zeit verging und die Weihnacht nahte. Das Geld schmolz langsam aber sicher in der Tischschublade. Und dann? Eine Hauslehrerstelle fanden die Studenten nicht mehr so leicht, seit die Eisenbahnen die Verbindung zwischen dem Lande und den Städten, wo es Schulen und Gymnasien gab, verbessert hatten. Es war ein Wahnsinn von ihm gewesen, die Universität zu beziehen.

Als keine Bücher mehr zu haben waren, begann er sich bei den Kameraden umherzutreiben. Er entdeckte Leidensgenossen. Traf zwei, die das ganze Semester Schach gespielt hatten und nicht mehr als ein Gesangbuch besaßen, das die Mutter ihnen in den Koffer gesteckt. Sie stellten sich auch die Frage: Was habe ich hier eigentlich zu schaffen? Das Examen kam nicht zu einem, sondern man mußte die geheimen Wege aufsuchen, Pedelle mit Kolleggeldern bestechen, durch Löcher kriechen, für Bücher Schulden machen, sich in Vorlesungen sehen lassen: oh, es war soviel, soviel!

Um die Zeit auszufüllen, lernte er im Sextett der Landsmannschaft das B-Kornett blasen; dazu hatte Fritz ihn beredet, der die Tenorposaune blies. Aber die Übungen wurden unregelmäßig abgehalten und stifteten Zwietracht im Haushalt.

Johan spielte auch Brett. Fritz aber haßte das Spiel; darum wanderte Johan mit dem Brettspielkasten bei Bekannten umher und spielte mit ihnen. Das war ziemlich stumpfsinnig; ebenso stumpfsinnig wie Swedenborg lesen, meinte er.

— Warum studierst du nicht? fragte Fritz oft.

— Ich habe keine Bücher, antwortete Johan.