Das war wirklich ein Grund.

Freiheit, die hatte er wenigstens, Freiheit von Glockenschlag und Überwachung; sie wurde aber drückend empfunden. Wenn es Lehrer und Schulbücher gegeben hätte, wäre es besser gewesen, und mancher junge Mann wäre nicht verloren gegangen. Die Freiheit wurde nur wie ein leerer Raum empfunden, den die, welche nicht das Geld hatten, um sich in der Arbeit des Universitätslebens heimisch zu machen, unmöglich ausfüllen konnten. Die aufgedrungene Faulheit war unerträglich; wäre es mit seiner Ehre vereinbar gewesen, Johan wäre umgekehrt.

Kneipen konnte er nicht besuchen, weil er kein Geld hatte. In „Bierstuben‟ schlüpfte er mit hinein; sah dort schlimme Dinge. Junge Leute standen hintereinander, saßen auf Tischen und Kommoden herum und tranken Bier, während sie abwarteten, bis sie an die Reihe kamen. Einmal sah er, wie ein Weib, das schon fünfzig Jahre alt war, Jünglinge empfing; ein andermal, wie sich ein Ehemann nach der Wand drehte, während seine Frau empfing; dabei saßen Studenten auf dem Bettrand und hielten das Licht. Die vielen andern, die nicht dazu gelangen konnten, erschöpften ihre Manneskraft durch Gewalttätigkeiten. So hatten einige eines Nachts einen Balken von fünfzehn Ellen genommen und damit ein Holzhaus zu demolieren versucht. Es war vollständiger Wahnsinn.

Es jammern heute so viele über das harte Schicksal der Prostituierten, weil sie glauben, Not und Verführung sind die einzigen Ursachen. Johan fand dagegen während seines langen Junggesellenlebens kein einziges Freudenmädchen, das sentimental gewesen oder sein Leben hätte ändern wollen. Sie hatten es aus Geschmack gewählt, befanden sich wohl dabei, waren alle vergnügt. Es waren beinahe alle Dienstmädchen, die ihre Stellungen verlassen hatten, weil die ihnen zu langweilig waren. Von dem Verführer sprachen sie nie anders als von dem Ersten; und einer mußte doch der Erste sein. Daß sie untersucht wurden, war ihnen natürlich nicht angenehm; aber der Rekrut wird auch untersucht. Um wieviel berechtigter ist da nicht die hygienische Maßregel bei den Frauen, welche die Krankheit verschulden; was die Männer nicht tun.

Allgemein und offen beklagte man sich darüber, daß der nächtliche Schlaf durch Phantasien gestört wurde; und die verlorene Kraft ersetzte man durch Punsch und Grog. Johan lebte äußerst nüchtern; zu Mittag wurde nur Wasser getrunken; wenn er und Fritz am Sonntag ihre halbe Flasche Bier nahmen, wurden sie halb berauscht, blieben bei Tisch sitzen und erzählten einander zum hundertsten Male gemeinsame Abenteuer aus der Schulzeit.


Ein kleines Ereignis von ungewöhnlicher Beschaffenheit veranlaßte Johan, seine Erfahrung auf einem Gebiet zu bereichern, das beinahe luftdicht verschlossen ist. Es ist aber an der Zeit, es zu öffnen, damit man die Frage erörtern kann. Eines Morgens im Anfang des Semesters erhielten Johan und Fritz eine Visitenkarte mit der Einladung, den Freund von X., Legationssekretär der ...schen Gesandtschaft zu Stockholm, im Gasthaus zu besuchen.

— Ist der hier? sagte Fritz. Dann gibt es ein feines Mittagessen!

— Erinnerst du dich nicht, daß er uns zu besuchen versprach, wenn er nach Upsala käme?

— Ich glaubte, das hätte er vergessen.