Das Semester kroch dahin, unerträglich langsam, ohne Ergebnis, entnervend. Johan fühlte: bis hierher hatte er sich als Unterklasse durchschlagen können, weiter aber nicht. Jetzt scheiterten seine Pläne an einer Geldfrage. Oder war er dieses einseitigen Gehirnlebens ohne Muskelarbeit müde? Kleine Erfahrungen, auf die er hätte gefaßt sein müssen, taten das Ihrige, um ihn zu verbittern.
Eines Tages brachte Fritz einen jungen Grafen mit nach Haus. Fritz stellte die Herren einander vor. Der Graf suchte sich zu erinnern, daß sie in der Klaraschule Kameraden gewesen seien. Johan glaubte sich auch daran zu erinnern. Die alten Freunde und Nebenmänner titulierten einander Herr Graf und Herr.
Jetzt erinnerte sich Johan, wie er und der junge Graf in einer Tabakscheune am Sabbatsberg gespielt hatten; wie Johan damals bei einer Gelegenheit vorhergesagt: „In einigen Jahren, mein Lieber, kennen wir uns nicht mehr‟. Der Graf hatte lebhaft widersprochen und sich verletzt gefühlt.
Warum dachte Johan gerade jetzt an diesen Fall und nicht an so viele andere, da es ja ganz natürlich ist, daß man einander entwächst, wenn man lange nicht miteinander verkehrt hat? Weil er beim Anblick des Adeligen das Sklavenblut kochen fühlte. Man hat geglaubt, der Rassenunterschied habe diesen Haß erzeugt. Das kann aber nicht stimmen; dann würde sich die stärkere Rasse der Unterklasse der schwächeren des Adels überlegen fühlen. Es ist wohl ganz einfach Klassenhaß.
Der Graf war ein blasser magerer Jüngling, mit recht gewöhnlichen Zügen, ohne Haltung; war recht arm und sah aus, als habe er gehungert. Er hatte einen guten Kopf, war fleißig und durchaus nicht übermütig. Später im Leben wurde er noch einmal Johan vorgestellt; da war er ein freundlicher humaner Mann, der eine anspruchslose und stille Beamtenlaufbahn eingeschlagen hatte, unter Schwierigkeiten, die denen Johans glichen. Warum sollte er den hassen? Und sie lächelten zusammen über den Unverstand der Jugend. Sie konnten damals lächeln, denn Johan war gerade, was man „oben‟ nennt; sonst würde Johan wenigstens nicht gelächelt haben.
„Steh auf, damit ich mich setzen kann,‟ so hat man mehr boshaft als aufklärend das heutige Streben der unteren Klasse formuliert. Aber man hat sich geirrt. Früher rieb man sich auf, um zu den andern emporzukommen; jetzt will man die andern herunterziehen, um nicht mit vieler Mühe nach oben klettern zu müssen, wo es kein oben gibt.
„Rück etwas, dann können wir beide sitzen,‟ müßte es eigentlich heißen. Man hat gesagt, die jetzt oben sind, sind aus Notwendigkeit dahin gekommen und würden unter allen Umständen dort sitzen; der Wettbewerb sei frei; jeder könne hinaufkommen; und unter neuen Verhältnissen werde der gleiche Wettlauf von neuem beginnen.
Gut, laß uns denn den Wettlauf von neuem beginnen; aber komm her und stell dich hier unten auf, wo ich stehe, sagt die Unterklasse. Jetzt hast du einen Vorsprung durch Kapital und Vorrechte; auch müssen wir mit Wagengeschirr oder englischem Reitsattel gewogen werden, nach den Forderungen der neueren Zeit. Daß du vorgekommen bist, beruht darauf, daß du gemogelt hast! Das Wettrennen wird daher für ungültig erklärt, und wir fangen von neuem an; falls wir uns nicht einigen, das ganze Wettrennen zu lassen, als einen veralteten Sport vergangener Zeiten!
Fritz sah die Sache von einem andern Gesichtspunkt. Er wollte die Oberen nicht in den Rock beißen, er wollte sich ihnen anpassen, zu ihnen hinaufsteigen, ihnen ähnlich werden. Er fing an zu lispeln, machte elegante Gebärden mit der Hand, grüßte wie ein Minister; warf den Kopf, als ob er Zinsen beziehe. Aber er hütete sich, lächerlich zu werden und ironisierte sich selbst und sein Streben. Die Sache verhielt sich nun so, daß die Aristokraten, denen er gleichen wollte, einfache, ungekünstelte, sichere Manieren hatten, einige sogar recht bürgerliche, während Fritz nach einem alten Theatermodell arbeitete, das nicht mehr vorhanden war. Er wurde darum auch im Leben nicht, was er erwartet hatte, trotzdem er manchen Sommer auf den Schlössern seiner Freunde verbrachte. Er endete auf einem recht bescheidenen Posten als Beamter. Als Student wurde er ins Fremdenzimmer aufgenommen, weiter kam er nicht; und der Amtsrichter wurde nicht vorgestellt in den Salons, in die der Student gekommen war, ohne vorgestellt zu sein.