Dann begann eine neue Stunde. Ein vaterländisches Lesebuch wurde gelesen, dessen Zweck hauptsächlich darauf hinauszugehen schien, den Kindern Ehrfurcht vor der Oberklasse und vor Schweden einzupflanzen. Schweden sollte das beste Land von Europa sein, obwohl es in klimatischer und wirtschaftlicher Hinsicht eines der schlechtesten ist; obwohl seine Kultur vom Ausland entlehnt ist und alle seine Könige von ausländischer Geburt sind. Solche Lehren wagte man den Kindern der Oberklasse in der Klaraschule und der Privatlehranstalt nicht zu bieten. Doch in der Jakobischule hatte man den Mut, die armen Kinder ein Lied vom Herzog von Östergötland singen zu lassen, in dem sich eine Strophe an die Mannschaft der Flotte wandte und ihr Siege in erwünschten Schlachten versprach: der Sieg sei selbstverständlich, denn „Prinz Oskar führt uns an‟.
Gleich am Anfang der Stunde kommt der Schulvorsteher. Johan will das Lesen unterbrechen, doch der Vorgesetzte gibt ihm einen Wink, fortzufahren. Die Kinder haben nach der Katechismusstunde den Respekt verloren und sind unaufmerksam. Johan zankt sie aus, aber ohne Erfolg. Da tritt der Vorsteher mit einem Rohrstock vor; nimmt das Buch vom Lehrer und hält eine kleine Rede. Diese Abteilung sei die schlechteste und der Lehrer sollte nun sehen, wie man sie behandeln müsse.
Die Übung, die jetzt folgte, schien zum Hauptzweck zu haben, absolute Aufmerksamkeit zu erzwingen. Das Absolute schien das Ziel zu sein, zu dem man bei der Abrichtung dieser Menschenkinder kommen wollte, in dieser unvollkommenen Welt des Relativen.
Der Lesende wurde unterbrochen und ein Name aus der Menge aufgerufen. Im Text folgen und aufmerksam sein, hielt dieser alte Mann für das Einfachste von der Welt, obwohl er sicher oft erfahren, wie die Gedanken ihre eigenen Wege gehen, während das Auge über eine Seite im Buche irrt. Der Unaufmerksame wurde bei den Haaren oder den Kleidern gezogen und mit dem Rohrstock gehauen, bis er sich unter Geheul am Boden wälzte.
Dem Lehrer wurde anbefohlen, den Rohrstock fleißig zu gebrauchen; damit ging der Vorsteher. Es blieb nichts anderes übrig, als die Methode zu befolgen oder abzugehen. Da das letzte nicht möglich war, blieb Johan. Er hielt eine Rede an die Kinder und bezog sich auf den Vorsteher.
— Jetzt wißt ihr, wie ihr euch betragen müßt, um keine Schläge zu kriegen. Wer sich Schläge zuzieht, hat sie selbst verschuldet. Gebt mir nachher nicht die Schuld. Hier liegt der Rohrstock, dort ist die Pflicht; erfüllt die Pflicht, sonst kommt der Rohrstock — ohne mein Verschulden.
Das war recht listig gesprochen, war aber doch unbarmherzig, denn man hätte erst in Erfahrung bringen müssen, wieweit die Kinder die Pflicht erfüllen können. Sie konnten es nicht, denn sie waren die lebhaftesten und darum die unaufmerksamsten. Der Rohrstock war also den ganzen Tag in Bewegung. Notschreie gellten, Angst stand in den Gesichtern der Unschuldigen geschrieben: es war schauerlich.
Aufmerksam sein fällt nicht unter das Machtgebiet des Willens; darum war all dieses Strafen lauter Marter. Johan fühlte, wie sinnlos seine Rolle war, aber er hatte ja seine Pflicht hinter sich. Oft wurde er müde und ließ es gehen, wie es ging; dann aber kamen Kameraden, Lehrer und Lehrerinnen und machten ihm freundliche Vorstellungen. Oft fand er das Ganze so wahnsinnig, daß er mit den Kindern lächeln mußte, während der Rohrstock in Bewegung war. Beide Teile sahen ein, daß sie an dem Unmöglichen und Unnötigen arbeiteten.
Ibsen, der weder an den Geburtsadel noch an den Geldadel glaubt, hat jüngst (1886) seinen Glauben an den neuen Adel des Industriearbeiters ausgesprochen. Warum soll es denn durchaus Adel sein? Wenn die Entartung daher kommt, daß man überhaupt nicht mit dem Körper arbeitet, so entartet man vielleicht noch leichter durch zuviel körperliche Arbeit und durch Not. Alle diese Kinder, die Körperarbeiter zu Eltern hatten, sahen kränklicher, schwächlicher, unverständiger aus als die Kinder der Oberklasse, die Johan gesehen hatte. Der eine oder andere Muskel mochte stärker entwickelt sein, du Schulterblatt, eine Hand, ein Fuß, aber das Blut sah schlecht aus, wie es durch die blasse Haut schimmerte. Viele hatten große Köpfe, die von Wasser aufgeschwollen zu sein schienen; Ohren und Nasen liefen, die Hände waren erfroren. Die Berufskrankheiten der städtischen Arbeiter schienen sich vererbt zu haben: hier sah man in kleinerem Maßstab die Lungen und das Blut des Gasarbeiters, die durch Schwefeldämpfe verdorben waren; die Schultern und ausgebogenen Füße des Schmieds; das von Firnissen und giftigen Farben angegriffene Hirn des Malers; den skrofelartigen Ausschlag des Schornsteinfegers; die eingedrückte Brust des Buchbinders. Hier hörte man das Echo von dem Husten des Metallarbeiters und Asphaltbereiters; roch die Gifte des Tapetendruckers; beobachtete die Kurzsichtigkeit des Uhrmachers in neuen Auflagen. Das war wahrhaftig keine Rasse, der die Zukunft gehörte oder auf welche die Zukunft bauen konnte; auch kann sie sich auf die Dauer nicht vermehren, denn die Reihen der Arbeiter rekrutieren sich immer vom Lande.
Erst gegen zwei war der Saal geleert, denn fast eine Stunde dauerte es, bis sie unter Klopfen und Schlägen aus dem Zimmer auf die Straße kamen. Das Unpraktischste war, daß die große Menge Kinder erst in den Flur marschierte, um die Mäntel anzuziehen, und dann wieder in den Saal zurückmarschierte, statt direkt nach Hause zu gehen.