Als Johan auf die Straße kam, fragte er sich: ist das die berühmte Erziehung, die man mit so großen Opfern der Unterklasse gegeben hat? Fragen konnte er, und man antwortete: wie ist es anders möglich? Nein, mußte er antworten. Hatte man die Absicht, eine sklavische Unterklasse zu erziehen, die immer gehorcht, so schlagt die Kinder mit dem Rohrstock; habt ihr die Absicht, einen Proletarier zu erziehen, der nichts vom Leben fordern darf, so lügt ihnen einen Himmel vor. Sag diesen Kindern, der Unterricht sei sinnlos, erlaub ihnen Kritik, laß ihnen ihren Willen in einem Punkt, und wir gehen der Auflösung der Gesellschaft entgegen. Aber die Gesellschaft ist ja auf eine gehorsame pflichttreue Unterklasse gebaut; also unterdrück sie von Anfang an, nimm ihnen den Willen, nimm ihnen die Vernunft; lehre sie, nicht hoffen, aber doch zufrieden sein. Es lag System in der Torheit.

Aber es gab in der Volksschulmethode, was den Unterricht betraf, sowohl Gutes wie Böses. Gutes: man hatte ein Anschauungsmaterial eingeführt; das war eine Erbschaft des schon 1827 gestorbenen Pestalozzi, des Schülers Rousseaus. Böses: die in die Volksschule eintretenden Studenten hatten die „Wissenschaft‟ eingeführt. Es genügte nicht mehr, das Einmaleins einfach zu können: man mußte es verstehen. Verstehen? Und doch kann ein Ingenieur, nachdem er die Technische Hochschule durchgemacht hat, nicht erklären, warum ein Bruch durch drei gekürzt werden kann, wenn die Summe der Zahlen durch drei zu teilen ist. Sollten die Seeleute nicht Logarithmentafeln benutzen, obwohl sie die Logarithmen nicht „ausrechnen‟ können? Daß man nicht auf dem schon Gebauten weiterbaut, sondern immer wieder den Grundstein legen will, dürfte wohl ein Luxus sein: daher das viele Lernen in den Schulen.

Man könnte einwenden, Johan hätte sich erst selbst als Lehrer reformieren sollen, ehe er den Unterricht reformierte. Aber er durfte ja nicht, denn er war ein willenloses Werkzeug in den Händen des Vorstehers, der Geschäftsordnung, der Schulbehörde. Die besten Lehrer, das heißt, welche die schlechtesten (hier besten) Ergebnisse herausgeschlagen hatten, waren die ungebildeten Lehrer, die vom Seminar kamen. Die zweifelten nicht an der Methode, waren nicht zart gegen die Kinder; aber vor ihnen hatten die Kinder am meisten Respekt. Ein großer grober Kerl, der von der Stellmacherzunft gekommen war, hatte die langen Jungen vollständig in Händen. Die Unterklasse sollte also mehr wirkliche Achtung und Furcht vor ihresgleichen haben als vor der Oberklasse? Großknecht und Werkführer sollten also mehr Respekt genießen als Inspektor und Meister? Woher kommt das? Sieht die Unterklasse, daß sie mehr Teilnahme erwarten kann von dem, der ihre Leiden gelitten hat und nicht fürchten kann, daß er zu ihnen herunterkommt? Ist sie darum diesem gegenüber nachgiebiger? Oder sieht sie ein, daß der Vorgesetzte, der aus ihren Reihen gekommen ist, ihre Sache besser versteht und darum mehr Achtung verdient?

Auch die Lehrerinnen genossen mehr Respekt als die Lehrer. Sie waren pedantisch, forderten das Absolute und waren durchaus nicht weichherzig, eher grausam. Sie liebten die raffinierte Strafe, Schläge auf die Handfläche zu geben; dabei legten sie einen Unverstand an den Tag, den das oberflächlichste Studium der Physiologie berichtigt hätte. Wenn das Kind infolge der Reflexbewegung die Finger fortzog, wurde es noch mehr gestraft, weil es die Finger nicht still halte. Als ob man das Blinzeln unterlassen könnte, wenn einem Staub ins Auge weht!

Die Lehrerinnen hatten den Vorteil, daß sie nicht soviel von den Lehrfächern wußten, um von Zweifeln gequält zu werden. Daß sie weniger Gehalt hatten als die Lehrer, war eine Unwahrheit. Sie hatten verhältnismäßig mehr; und wenn sie mit einem dürftigen Lehrerinnenexamen mehr als die Studenten hatten, war das ungerecht. Sie wurden außerdem begünstigt, für ein Wunder gehalten, wenn sie tüchtig waren, und erhielten Stipendien, um ins Ausland zu reisen.

Als Kameradinnen waren sie freundlich und hilfreich, wenn man höflich und bescheiden war und ihnen die Zügel überließ. Von einer Liebelei war nicht die Spur zu sehen; auch sahen die Männer sie in Situationen, die alles andere als gewinnend waren, und von Seiten, die Frauen sonst dem andern Geschlecht nicht zu zeigen pflegen, nämlich als Profose. Sie machten sich Notizen über alles, bereiteten sich auf die Stunden vor, waren kleinlich und zufrieden, durchschauten nicht. Es war eine sehr passende Beschäftigung für sie unter den damaligen Verhältnissen.

Wenn Johan nicht mehr schlagen wollte oder über ein Kind nichts vermochte oder an allem zweifelte, schickte er das Kind zu einer Lehrerin, die mit Vergnügen die garstige Rolle des Henkers übernahm.

Was den geeigneten Lehrer macht, ist wohl nicht festgestellt. Die einen wirkten durch ihre Ruhe, die andern durch ihre nervöse Art; andere wieder schienen die Kinder zu magnetisieren, andere schlugen sie; andere wirkten durch ihr Alter, ihr männliches Äußeres. Die Frauen wirkten als Frauen, das heißt durch eine halbvergessene Überlieferung von einer vergangenen Mutterherrschaft.

Johan war ungeeignet. Er sah zu jung aus und war ja auch erst achtzehn Jahre alt; zweifelte an der Methode und an allem; war in einem Winkel seines ernsten Innern spielerisch und knabenhaft; auch war ihm alles nur eine Nebenbeschäftigung, denn er war ehrgeizig und wollte weiter; wohin, das wußte er nicht.

Auch war er Aristokrat wie seine Zeitgenossen. Durch die Erziehung waren seine Gewohnheiten, seine Sinne verfeinert worden oder entartet, wenn man will. Er ertrug also nur schwer schlechten Geruch, häßliche Gegenstände, entstellte Körper, unschöne Aussprache, zerlumpte Kleider. Das Leben hatte ihm ja doch viel gegeben, und diese täglichen Erinnerungen ans Elend quälten ihn wie ein böses Gewissen. Er hätte selbst einer von der Unterklasse sein können, wenn seine Mutter sich mit einem ihres Standes verheiratet hätte.