Er sei hochmütig, hätte ein Ladenbursche gesagt, der es zum Redakteur einer Zeitung gebracht; derselbe Redakteur, der damit prahlte, daß er mit seinem Los zufrieden sei; ganz vergessend, daß er zufrieden sein konnte, da er aus seiner geringgeachteten Stellung emporgestiegen war. Er sei hochmütig, hätte ein Schuhmachermeister gesagt, der lieber ins Wasser ginge, als daß er zum Gesellen niederstiege. Johan war hochmütig, daran ist nicht zu zweifeln; ebenso hochmütig, wie Meister Schuhmacher; vielleicht doch nicht ganz so hochmütig, da er vom Studenten zum Volksschullehrer herabgestiegen war. Aber das war keine Tugend, sondern eine Notwendigkeit; auch prahlte er nicht mit seinem Schritt, noch wollte er sich den Schein eines sogenannten Volksfreundes geben. Über Sympathie und Antipathie ist man nicht Herr, und wenn man von unten immer Liebe und Aufopferung von der Oberklasse verlangt, so ist das Idealismus. Die Unterklasse ist für die Oberklasse geopfert, aber wahrhaftig, sie hat sich gutwillig geopfert. Sie hat das Recht, ihre Rechte zurückzunehmen, aber sie soll es selbst tun. Niemand gibt seine Stellung gutwillig auf; darum darf die Unterklasse nicht darauf warten, daß Könige oder Oberklasse es tun. Reißt uns herunter! Aber alle auf einmal!

Will ein Aufgeklärter aus der Oberklasse dabei helfen, so können die Unteren dankbar sein, zumal eine solche Hilfe immer der Beschuldigung unreiner Motive ausgesetzt ist. Die Unterklasse sollte daher die Motive ihrer Helfer nicht so genau beschnüffeln: das Ergebnis der Handlung wird immer das gleiche für sie. Das scheint die höchste Oberklasse eingesehen zu haben: darum hält sie immer den aus der Oberklasse, der mit der Unterklasse stimmt, für einen Verräter. Er ist ein Verräter gegen seine Klasse, das ist wahr, das müßte ihm aber die Unterklasse in Rechnung setzen.

Johan war nicht so sehr Aristokrat, daß er das Wort Pack benutzte oder die Armen verachtete. Er stand durch seine Mutter in zu naher Verwandtschaft mit ihnen, aber ihnen war er ein Fremder. Das war die Schuld der Klassenerziehung. Diese Schuld kann für die Zukunft aufgehoben werden, wenn die Volksschule reformiert wird, indem man die bürgerlichen Kenntnisse aufs Programm setzt, und obligatorisch für alle ist, von der man sich nicht freikaufen kann. Dann wäre es ja keine Schande mehr, Volksschullehrer zu werden, wie es jetzt tatsächlich eine ist: sogar als Vorwurf und Beschimpfung wird es benutzt, daß man Volksschullehrer gewesen ist. Dieser Kummer wäre dann vorüber; daraus geht hervor, daß die Reformen der Gesetze vorangehen müssen; nachher werden wir selbst reformiert werden.

Um sich obenzuhalten, verlegte er sich auf seine zukünftige Arbeit. Jetzt konnte er Bücher kaufen, und er kaufte sie. Mit seiner italienischen Grammatik, die er zwischen den Stunden auf dem Schulhof lernte, glaubte er sich gleichsam obenzuhalten. Er war so ehrlich, daß er diese Bemühungen, hinaufzuklettern, nicht in einen idealen Durst nach Erkenntnis oder in ein höheres Streben für die Menschheit umdichtete. Wenn er auch zuweilen von Verzweiflung niedergedrückt wurde, er bildete sich nicht ein, im Himmel einige gutmütige Professoren zu treffen. Er studierte für die Doktorprüfung, das war die Sache.

Aber die schwache Diät in Upsala, das schlechte Mittagessen, die Milch und das Brot hatten ihm die Kraft genommen; dabei war er in der genußsüchtigen Zeit der Jugend. Zu Hause war es langweilig, und abends saß er im Café oder in der Kneipe, wo er Freunde traf. Die starken Getränke gaben ihm Kraft, und er schlief gut danach.

Dieses Verlangen nach Alkohol scheint regelmäßig im mannbaren Alter eines jeden Jünglings aufzutreten. Er, wie das ganze Geschlecht, ist ja von Trinkern geboren, Glied von Glied seit der ältesten Heidenzeit, als Bier und Meth getrunken wurden: wie sollte da nicht das Verlangen Bedürfnis werden? Bei Johan war es ein Bedürfnis; wenn er es unterdrückte, so war die Folge, daß sich seine Kräfte verminderten. Und fragen kann man, ob die Enthaltsamkeit in Getränken nicht dieselben Gefahren für uns haben mag, wie für den Arsenikesser der Entschluß, das Gift nicht mehr zu benutzen. Wahrscheinlich wird die sonst lobenswerte Bewegung mit Mäßigkeit schließen: das wäre eine wirkliche Tugend und nicht eine Kraftprobe, die Prahlerei und Selbstgefälligkeit zur Folge hat.

Johan begann jetzt auch, sich fein zu kleiden, nachdem er bisher nur abgelegte Kleider aufgetragen hatte. Das Gehalt kam ihm so unglaublich groß vor, daß es in seiner vergrößernden Phantasie unerhörte Dimensionen annahm. Die Folge war, daß er bald Schulden hatte. Schulden, die wuchsen und wuchsen und niemals bezahlt werden konnten, wurden der Geier, der an seinem Leben hackte, der Gegenstand seiner Träume, der Wermut seiner Freuden. Welche Leichtgläubigkeit, welch außerordentlicher Selbstbetrug lag doch hinter diesem Schuldenmachen! Was hoffte er? Den Doktor zu machen? Und dann? Lehrer zu werden mit einem Gehalt von 750 Kronen; das war weniger, als er jetzt hatte.


Nicht am wenigsten quälend war, sein Gehirn den Auffassungsgaben der Kinder anzupassen. Das bedeutete auch, sich auf das Niveau der Jüngeren und Unverständigeren herablassen; den Hammer so weit niederschrauben, daß er den Amboß traf, wodurch die Maschine beschädigt wurde.

Wirklichen Gewinn brachten dagegen die Beobachtungen in den Wohnungen der Kinder, die er als Lehrer am Sonntag aufsuchen mußte. Ein Junge war der schwierigste von allen. Er war schmutzig und schlecht gekleidet; war ungekämmt; grinste beständig; konnte sich erlauben, ungenötigt und geräuschvoll zu stinken; wußte niemals seine Aufgaben und kriegte immer Schläge. Er hatte einen zu großen Kopf mit Glotzaugen, die unaufhörlich schielten und rollten. Johann mußte seine Eltern aufsuchen, um sich nach seinem unregelmäßigen Schulbesuch und unordentlichen Betragen zu erkundigen. Er wanderte also nach der Apfelbergstraße, in der die Eltern eine Kneipe hatten. Der Vater war auf Arbeit gegangen; aber die Mutter stand hinter dem Ladentisch. Die Kneipe war dunkel und stank; Männer füllten sie, die drohend auf den eintretenden Herrn sahen, den sie wahrscheinlich für einen Geheimpolizisten hielten. Johan sagte der Mutter, was ihn herführe, und er durfte hinter den Ladentisch kommen, um in die Kammer zu gelangen. Er brauchte nur das Zimmer und dessen Lage zu sehen, um zu verstehen. Die Mutter schalt den Jungen bald, bald entschuldigte sie ihn; und das letzte konnte sie. Das Kind pflegte Reste zu trinken. Das war die Lösung, und die genügte. Was war dabei zu machen? Die Wohnung ändern, ihm bessere Nahrung geben; eine Bonne, die ihn überwachte — alles Geldfragen!