Es war die Krankheit der Zeit, in ein System gebracht von Fichte, nach dem alles im Ich und durch das Ich war; ohne das Ich gab es keine Wirklichkeit. Das war die Formel für die Romantik und den subjektiven Idealismus. „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟, „Ich wohne tief im Berge‟, „Ich kleiner Knabe wache am Tor‟, „Ich denke der holden Tage‟ hatten alle denselben Ton. War diese „Ichheit‟ denn so hochmütig? War nicht das Ich des Dichters bescheidener als das königliche Wir des Journalisten?
Der heutige Realismus hat dieses bescheidene Ich wieder aufgenommen, das „für meinen geringen Teil‟ bedeutet. Gleichzeitig hat die naturwissenschaftliche Philosophie „so scheint es mir‟ gegen „so ist es‟ vertauscht. Ist es wirklich so? Ja, dann haben wir einen Fortschritt auf die Wahrheit zu gemacht, das heißt auf die Entdeckung, wie es sich wirklich verhält. Ist es nicht so, dann haben wir, Gott sei uns gnädig, eine neue Theologie auf dem Halse.
Dieses Versinken ins Ich oder die neue Kulturkrankheit, von der jetzt (1886) geschrieben wird, ist wohl bei allen Menschen, die nicht mit dem Körper gearbeitet haben, konstant gewesen. Das Gehirn ist nur ein Impulsorgan für die Muskeln. Wenn nun die Impulse des Gehirns beim Kulturmenschen nicht auf die Muskeln wirken, niemals ihre Kraft ausgeben können, wird das Gleichgewicht erschüttert, wie bei dem unbefriedigten Geschlechtstrieb. Das Gehirn bekommt Träume; von Säften überfüllt, die nicht in Muskeltätigkeit kommen können, setzt es die unwillkürlich um, in Systeme, Gedankenverbindungen, in Maler-, Bildhauer-, Dichterhalluzinationen. Geschieht kein Abfluß, so kann Stockung eintreten, heftige Ausbrüche, Depression, schließlich Wahnsinn. Die Schule, die ein solcher Vorkursus zum Irrenhaus ist, mußte zum Turnen als Korrektiv greifen. Aber mit welchem Erfolge? Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Gehirntätigkeit des Lernens und der Muskeltätigkeit des Turnens; die gehorcht ja durch das Kommandowort nur einem fremden Willen.
Alle studierenden Jünglinge bekommen solches Steigen nach dem Gehirn. Daß diese aus Instinkt oft auf Verbesserung oder Verschönerung der Gesellschaft ausgehen, ist ein Glück; besser aber würde es sein, wenn das Gleichgewicht wiederhergestellt würde, und eine gesunde Seele in einem gesunden Körper wohnte. Man hat das Heilmittel gesucht, indem man körperliche Arbeit in den Schulen einführte. Besser wäre es wohl, den ersten Unterricht ins Haus zu verlegen, die Schule zu einer Mitbürgerschule zu machen, und dann jeden für sich selbst sorgen zu lassen. Übrigens wird die Emanzipation der Unterklasse die Kulturmenschen zu etwas körperlicher Arbeit zwingen, die jetzt von den Haussklaven verrichtet wird; dann wird wohl Gleichgewicht eintreten. Daß die Intelligenz darunter nicht leidet, wird man glauben, wenn man sieht, daß die stärksten Geister der Zeit wenigstens Nebenbeschäftigungen gehabt haben: wie Mill, der Beamter; Spencer, der Ingenieur; Edison, der Telegraphist war.
Die Studentenzeit, die ungesundeste Zeit, weil nicht diszipliniert, ist auch die gefährlichste. Das Gehirn soll aufnehmen, unaufhörlich aufnehmen, aber niemals abgeben, nicht einmal in geistiger Produktion, während gleichzeitig das ganze Muskelsystem brachliegt.
Bei Johan war zu dieser Zeit eine Überproduktion von Gedanken und Phantasie vorhanden. Und die mechanische, sich beständig in denselben Kreisen bewegende, mit gleichen Fragen und Antworten angeordnete Schularbeit gab keinen Abfluß. Sie vermehrte im Gegenteil seinen Vorrat der Beobachtungen von Kindern und Lehrern. Da lagen Materialsammlungen von Erfahrungen, Beobachtungen, Kritik, Gedanken in einer ungeordneten Masse und gärten. Er suchte darum Gesellschaft auf, um sich aussprechen zu können. Als das aber nicht reichte und er niemanden fand, der immer den Resonanzboden hergeben konnte oder wollte, fing er an zu deklamieren.
Das Deklamieren war Ausgang der 1860er Jahre sehr in Mode gekommen. In den Familien las man Runebergs Tragödie „Die Könige von Salamis‟ vor; auf Konzerten, die damals zahlreich, besonders von Scharfschützen veranstaltet wurden, deklamierte man. Und beinahe immer dieselben Stücke! „Asenzeit‟, „Milchstraße‟. Sehlstedt und so weiter. Die Deklamation war im Begriff zu werden, was der Quartettgesang gewesen: ein Abfluß all der Begeisterung, der hoffnungsvollen Freude, die auf die nationale Erweckung von 1865 gefolgt war. Da der Schwede weder geborener noch erzogener Redner ist, wurde er Sänger und Deklamator; vielleicht auch weil sein Mangel an Originalität den fertigen Ausdruck suchen muß. Ausführend, aber nicht schöpferisch.
Der gleiche Mangel an Eigenem zeigte sich auch im Junggesellenleben, in dem die Anekdotenerzählung blühte. Diesen schlechten und langweiligen Zeitvertreib hat man aufgegeben, da man aus den neuen Fragen des Tages Stoff genug für Gespräch und Erörterung erhält.
Eines Tages kam Johan zu seinem Freunde dem Elementarlehrer hinauf, bei dem er andere junge Lehrer traf. Als das Gespräch zu stocken anfing, griff der Freund nach einem Band Schiller, der damals in einer neuen wohlfeilen Auflage erschienen war und hauptsächlich dieses billigen Preises wegen gekauft wurde. Er schlug die „Räuber‟ auf und man las. Johan erhielt Karl Moors Rolle. Die erste Szene des ersten Aktes ist zwischen dem alten Moor und Franz. Dann kam die zweite Szene. Johan las: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen....‟
Johan kannte die „Räuber‟ nicht, hatte sie niemals spielen sehen. Er las zuerst zerstreut, aber während er las, begann er aufzuleben. Das waren neue Töne. Seine dunklen Träume waren in Worte umgesetzt, seine revoltierende Kritik in Druck. Es gab also einen andern Menschen, und zwar einen großen berühmten Dichter, der den gleichen Ekel vor der ganzen Schul- und Universitätsbildung empfunden; der lieber ein Robinson oder Straßenräuber sein, als sich in diese Armee, die Gesellschaft heißt, einschreiben lassen wollte.