Johan las weiter; die Stimme zitterte, die Wangen wurden heiß, die Brust arbeitete schwer. „Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen....‟
Da stand ja alles zu lesen, alles!
— Und das ist Schiller? rief er aus. Derselbe Schiller, der die elende Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und das zahme Theaterstück „Wallenstein‟ geschrieben hat, die man in der Schule liest! Ja, es war derselbe.
Hier war der Aufruhr gepredigt; der Aufruhr gegen Gesetze, Gesellschaft, Sitten, Religion. Das war die Revolution von 1781, also acht Jahre vor der großen Revolution. Das war das Programm der Anarchisten hundert Jahre vor ihrer Zeit, und Karl Moor war der Nihilist. Das Drama erschien mit einem Löwen auf dem Titel und dem Motto: „In Tyrannos‟. Der Dichter, damals zweiundzwanzig, mußte fliehen. An der Absicht des Stückes war also nicht zu zweifeln. Es trug auch ein zweites Motto, aus Hippokrates, das die Absicht ebenso deutlich zeigt: „Was Arznei nicht heilt, heilt das Eisen; was Eisen nicht heilt, heilt das Feuer‟.
Ist das nicht deutlich genug? Dann aber war da ein Vorwort, in dem der Dichter um Entschuldigung bittet und zurücknimmt. Er leugnet, Franzens Sophismen zu teilen; erklärt, daß er das Laster in Karl habe strafen wollen. Und dann sagt er über die Religion: „Auch ist jetzt der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen (wie Voltaire und Friedrich der Große), daß man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt.... Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.‟
War nun Schiller wahr, als er das Drama schrieb, und falsch, als er das Vorwort schrieb? Gleich wahr in beiden Fällen, denn der Mensch ist ein Doppelgänger, tritt bald als Naturmensch, bald als Gesellschaftsmensch auf. Am Schreibtisch, in der Einsamkeit, als die stillen Buchstaben niedergeschrieben wurden, scheint Schiller wie andere, besonders junge Dichter unter dem Einfluß des blinden Spiels der Naturtriebe gearbeitet zu haben, ohne auf das Urteil der Menschen Rücksicht zu nehmen, ohne an ein Publikum oder Gesetze und Verfassungen zu denken. Die Hülle wurde einen Augenblick gehoben, und der Betrug der Gesellschaft in seiner ganzen Größe durchschaut. Das Schweigen der Nacht, in der die Arbeit, besonders bei der Jugend, betrieben wird, erinnert nicht an das lärmende, kunstvoll zusammengesetzte Leben draußen; das Dunkel verhüllt diese Steinmassen, in die sich schlecht angepaßte Tiere niedergelassen haben. Dann kommt der Morgen, das Tageslicht, der Straßenlärm, die Menschen, die Freunde, die Polizei, die Glockenschläge, und der Seher bebt vor seinen Gedanken. Die öffentliche Meinung erhebt ihr Geschrei, die Zeitungen schlagen Lärm, die Freunde verlieren sich, es wird einsam um einen, und ein unwiderstehliches Entsetzen packt den Angreifer der Gesellschaft. Willst du nicht mit uns sein, sagt die Gesellschaft, so geh, geh hinaus in den Wald. Bist du ein schlecht angepaßtes Tier oder ein Wilder, so deportieren wir dich nach einer niedrig stehenden Gesellschaft, in die du passest.
Und die Gesellschaft hat von ihrem Standpunkt aus recht und bekommt leider recht. Aber die künftige Gesellschaft feiert den Empörer, den einzelnen, der eine Verbesserung der Gesellschaft angeregt hat; lange nach seinem Tode bekommt der Empörer recht.
Im Leben eines jeden wachen Jünglings tritt ein Augenblick ein, gerade beim Übergang von der Familie zur Gesellschaft, in dem das ganze künstliche Kulturleben ihn anekelt und er losbricht. Bleibt er dann in der Gesellschaft, so wird er von allen diesen vereinigten Dämpfern der Gefühle und des Brotes bald unterdrückt; er wird müde, wird geblendet, gibt den Kampf auf und überläßt die Fortsetzung andern Jünglingen. Dieser unbeirrte Blick auf die Dinge, dieser Ausbruch einer gesunden Natur, der sich notwendigerweise bei dem unverkümmerten jungen Manne finden muß, der dann von der Gesellschaft getrübt, gedämpft wird, ist mit einem Namen gestempelt worden, der den Wert der guten Absichten des Jünglings verringern soll. Man spricht von „Frühlingsflut‟ und will damit sagen, es sei nichts anderes als eine Kinderkrankheit, die vorübergeht; eine Saftsteigung, die Blutstockung und Schwindel hervorruft. Wer weiß, ob der Jüngling nicht richtig sah, ehe die Gesellschaft ihm die Augen ausstach? Und warum dann den Geblendeten höhnen?
Schiller mußte in den Staat hineinkriechen und Brotstellen annehmen, um leben zu können. Sogar das Gnadenbrot von Herzögen essen. Darum ging es mit seiner Dichtung immer mehr abwärts, wenn auch nicht aus ästhetischem oder untergeordnetem Gesichtspunkt. Aber seinen Tyrannenhaß kann er doch nicht verleugnen. Der schlägt jetzt nieder auf Philipp von Spanien, Doria von Genua, Geßler von Österreich; darum hören aber die Schläge auf zu wirken. Schillers Opposition, die sich zuerst gegen die ganze Gesellschaft richtete, richtet sich später gegen die Monarchie allein. Und er beschließt seine Laufbahn auch mit diesem Rat an einen Weltverbesserer (jedoch nachdem er auf die große Revolution die Reaktion hatte folgen sehen):
Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter laß du den Himmel, Freund, sorgen wie gestern so heut.