Der Himmel, der unglückselige alte Himmel sollte dafür sorgen, ebenso gut wie früher.

Wie man einmal seiner Wehrpflicht genügt im Alter von zwanzig Jahren, so genügte Schiller seiner. Wie viele haben sich nicht davon gedrückt!

Johan nahm es nicht so genau mit dem Vorwort und dessen Folgerungen oder sah die nicht; er nahm Karl Moor wörtlich und identifizierte sich mit ihm, denn der paßte ihm. Er ahmte ihn nicht nach, denn er war ihm so ähnlich, daß er ihm nicht nachzuäffen brauchte. Ebenso aufsässig, ebenso schwankend, ebenso unklar; immer bereit, bei Alarm sich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern.

Der Lebensüberdruß wurde noch größer; er begann Pläne zu entwerfen, wie er aus der geordneten Gesellschaft fliehen könne. Einmal war er darauf verfallen, nach Algier zu reisen und in die Fremdenlegion einzutreten. Es wäre schön, dachte er, in der Wüste leben zu können, in einem Zelt, auf halbwilde Volksstämme schießen und vielleicht erschossen werden. Diese Unruhe und dieser Lebensekel rührten nicht etwa von der Unterdrückung seines geschlechtlichen Lebens her, denn jetzt versagte er seinen Trieben nichts mehr. Es war wohl die Frühlingsflut, die alle Dämme und Pfahlwerke, die Schule und Elternhaus errichtet hatten, niederriß.

Zur rechten Stunde aber traten Umstände ein, die ihn für eine Zeit wieder mit den Verhältnissen aussöhnten. Durch die Empfehlung eines Freundes wurde ihm die Stelle eines Hauslehrers für zwei Mädchen in einem reichen und gebildeten Hause angeboten. Die Kinder sollten nach neuen freisinnigen Methoden erzogen werden, weder ins Mädchenpensionat gehen noch eine Gouvernante haben. Das war ein wichtiger Beruf, dem sich Johan nicht gewachsen fühlte. Auch, wandte er ein, ein Volksschullehrer? Weiß man nicht, daß ich das bin? Gewiß. Und doch? Man ist liberal in dem Hause! Wie liberal man damals war!

Ein neues Doppelleben begann. Aus der Strafanstalt der Volksschule mit Katechismus und Biblischer Geschichte, mit Armut, Elend und Grausamkeit, ging er um ein Uhr, um Mittag zu essen, das er in einer Viertelstunde verschlang, und war um zwei an Ort und Stelle. Es war damals das feinste Haus in Stockholm, mit Portier, pompejanischem Aufgang, bemalten Flurfenstern. In einem schönen großen hellen Eckzimmer mit Blumen, Vogelbauern, Aquarium sollte er zwei gut gekleideten, gewaschenen und gekämmten Mädchen, die fröhlich waren und sich sattgegessen hatten, Unterricht geben. Und zwar sollte er seine eigenen Gedanken aussprechen dürfen. Der Katechismus war verbannt; man sollte nur ausgewählte Erzählungen aus der Biblischen Geschichte lesen, indem man Leben und Lehre des Idealmenschen freisinnig erläuterte, denn die Kinder sollten nicht konfirmiert, sondern zu neuen Menschen erzogen werden. Und jetzt wurde Schiller gelesen und für „Wilhelm Tell‟ und das kleine glückliche Land, „das Land der Freiheit‟, geschwärmt. Man sog den Saft aus Shakespeares Roheiten, die noch nicht als Unsittlichkeiten gestempelt waren. Johans gesundes Geschlechtsleben machte, daß er über die heiklen Stellen in „Julius Caesar‟ frei und offen sprechen und auf die wißbegierigen Fragen der frischen Kinder nach den Geheimnissen des Geschlechtslebens bei Pflanzen und Tieren antworten konnte, wenn sie Naturwissenschaft hatten. Er lehrte sie alles, was er wußte; sprach mehr, als er fragte; weckte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei ihnen und teilte diese Hoffnung selbst.

Hier bekam er einen Einblick in eine Gesellschaftsklasse, die er noch nicht kannte: die des gebildeten und reichen Mannes. Da fand er Freisinn und Mut und Verlangen nach Wahrheit. Unten in der Volksschule war man feige, konservativ, unwahrhaftig. Wären die Eltern der Kinder, auch wenn die Schulbehörde es vorschlug, willig gewesen, die Religion aus der Schule auszuscheiden? Wahrscheinlich nicht! Mußte also die Aufklärung von oben kommen? Sicherlich; nicht von ganz oben, sondern von der Republik der Männer der Wissenschaft, welche die Wahrheit suchten. Johan fühlte auch, daß man oben sitzen mußte, um gehört zu werden. Also: nach oben streben, oder die Bildung herunterreißen und die Funken unter alle ausstreuen! Es war wirtschaftliche Unabhängigkeit nötig, um freisinnig zu sein; eine Stellung, um seine Worte zu Geltung zu bringen; also auch da Aristokratie.


Es gab damals eine Gruppe junger Ärzte, Gelehrter, Schriftsteller, Abgeordneter, die eine freisinnige Gesellschaft bildeten, ohne sich als Verein zu konstituieren. Sie hielten populäre Vorlesungen; versprachen, keine Orden anzunehmen; hatten freimütige Ansichten über die Staatskirche, schrieben in Zeitungen. Die bekanntesten Namen waren: Axel Key, Nordenskiöld, Christian Lovén, Harald Wieselgren, Hedlund, Viktor Rydberg, Meijerberg, Jolin und mehrere ungenannte. Sie wirkten für sich im stillen, ohne größeren Lärm zu machen, allerdings mit einer Ausnahme. Nach der Reaktion von 1872 verblaßten sie, wurden müde; in eine Partei konnten sie nicht aufgehen; und das war gut, da die agrarische Partei bereits anfing durch den jährlichen Stockholmer Aufenthalt und den Besuch bei Hofe korrumpiert zu werden. Jetzt (1886) gehören sie alle zu der gemäßigt oder vornehm liberalen Partei, soweit sie nicht zu den Gleichgültigen und Müden übergegangen sind; was ganz natürlich wäre, nachdem sie so viele Jahre nutzlos gekämpft hatten.

Durch die Familie seiner Schülerinnen kam Johan in äußerliche Berührung mit dieser Gruppe; sah deren Mitglieder wenigstens aus der Nähe und hörte sie bei Diners und Soupers sprechen. Manchmal dachte er, das seien die richtigen Männer, die es machen würden, indem „sie zuerst aufklären und dann reformieren‟. Hier traf er auch den Leiter der Volksschule und wunderte sich, ihn unter den Liberalen zu finden. Aber er hatte ja die Schulbehörde über sich und war so gut wie machtlos. Bei einem fröhlichen Diner, als Johan kühn geworden, faßte er sich ein Herz und wollte mit dem Herrn ein verständiges Wort sprechen. Hier, dachte er, können wir wohl Auguren sein und ein gutes Champagnerlächeln über alles lächeln. Der Vorgesetzte aber wollte nicht lächeln, sondern ersuchte ihn, das Gespräch aufzuschieben, bis sie sich in der Schule treffen würden. Nein, das wollte Johan nicht, denn in der Schule hatten sie, alle beide, andere Ansichten: darum sprach man jetzt von „etwas anderm‟. Sowohl Johan wie der Volksschulleiter hatten sich selber reformiert, durften darum aber nicht andere reformieren; das war nur eine Posse von dem, der es versprochen hatte.