Die Schulden wuchsen und die Arbeit vermehrte sich. Von acht bis eins in der Volksschule; Mittag essen und zu den Privatstunden gehen innerhalb einer halben Stunde; atemlos ankommen, während der Verdauung, die in Schlaf überzugehen droht; bis vier Unterricht erteilen; dann nach Hause gehen, um neue Stunden zu geben; am Abend zu den beiden Schülerinnen zurückkehren; nachts für seine Doktorprüfung arbeiten, nachdem er zehn Stunden Unterricht erteilt. Das war Überanstrengung. Der Schüler findet seine Arbeit schwer, aber er ist Wagen, während der Lehrer Pferd ist. Es ist bestimmt schwerer, Lehrer zu sein als an der Schraube oder dem Kran einer Maschine zu stehen, und ebenso einförmig.
Das von Arbeit und gestörter Verdauung betäubte Gehirn mußte angeregt werden, die Kräfte mußten ersetzt werden, und er wählte das nächste und beste Mittel: in ein Café gehen, ein Glas trinken, eine Weile sitzen. Es war gut, daß es solche Erfrischungsräume gab, wo junge Leute zu treffen waren, wo Familienväter sich einen Augenblick bei einer Zeitung ausruhen oder in einem Geplauder von „etwas anderm‟ sprechen konnten.
Während des folgenden Sommers zog er mit einer Sommerkolonie in den Tiergarten hinaus. Dort unterrichtete er die beiden Mädchen einige Stunden allein und einen ganzen Schwarm anderer Kinder außerdem. Es war ein reicher und abwechselnder Verkehr. Die Kolonie war in drei Lager geteilt: das gelehrte, das künstlerische, das bürgerliche Lager. Johan gehörte allen dreien an. Man hat gesagt, die Einsamkeit sei schädlich für die Entwicklung des Charakters (zum Automaten), und man hat gesagt, viel Verkehr sei schädlich für die Entwicklung des Charakters. Man kann alles sagen und alles kann wahr sein; es kommt nur auf den Standpunkt an. Aber für die Entwicklung einer Seele zu einem reichen, freien Leben ist viel Verkehr notwendig. Je mehr Menschen man sieht, mit je mehr Menschen man spricht, desto mehr Gesichtspunkte lernt man kennen, desto mehr Erfahrungen erwirbt man. Jeder Mensch hat immer ein Korn, das seine Originalität ist; jeder einzelne hat seine Geschichte. Johan fühlte sich bei allen wohl. Er sprach gelehrte Dinge mit den Gelehrten, über Kunst und Literatur mit den Künstlern, sang Quartette und tanzte mit der Jugend, unterrichtete die Kinder; botanisierte, segelte, ruderte, schwamm mit ihnen. Wenn er aber einige Zeit im Gewimmel gewesen war, zog er sich in die Einsamkeit zurück, auf einen Tag oder mehrere, um seine Eindrücke zu verdauen.
Die sich wirklich vergnügten, waren die Bürger. Sie kamen von ihrer Arbeit in der Stadt, warfen ihre Bürde ab und spielten am Abend. Alte Großkaufleute warfen Ring, tanzten, spielten Spiele, sangen wie Kinder. Die Gelehrten und Künstler saßen auf Stühlen, sprachen von ihrer Arbeit, wurden von ihren Gedanken wie vom Alp geritten, sahen nie wirklich glücklich aus. Sie konnten sich nicht von der Tyrannei der Gedanken befreien. Die Bürger hatten sich auch ein kleines grünes Gärtchen in ihrem Herzen bewahrt, das weder Gewinnsucht noch Spekulation noch Konkurrenz abbrennen konnte. Etwas Gefühlvolles und Herzliches war ihnen geblieben, das Johan Natur nennen wollte. Sie konnten lachen wie Narren, schreien wie Wilde, gelegentlich sich leicht rühren lassen. Sie weinten auch über das Unglück oder den Tod eines Freundes, umarmten sich in den Augenblicken der Entzückung, konnten über einen schönen Sonnenuntergang hingerissen sein. Die Professoren saßen auf Stühlen und sahen die Landschaft nicht, weil sie eine Brille trugen; ihre Blicke waren nach innen gerichtet, und ihre Gefühle zeigten sie nie. Ihr Gespräch bestand aus Schlüssen und Formeln; ihr Lachen war bitter; bei all ihrer Gelehrsamkeit schienen sie Marionetten zu sein. Ist das etwa ein höherer Standpunkt? Ist es nicht ein Mangel, ein ganzes Gebiet des Seelenlebens brachgelegt zu haben?
Mit dem dritten Lager wurde Johan jedoch am intimsten. Das war ein kleiner Kreis, der aus der Familie eines Arztes und dessen Verkehr bestand. Da sang der berühmte Tenor W., während Professor M. ihn begleitete; da spielte und sang der Komponist J.; da sprach der alte Professor P. von seinen römischen Reisen mit Malern vom alten Stamm. Hier war Gefühlsleben in reichem, aber künstlerischen Maße. Man genoß den Sonnenuntergang, aber man analysierte die Lichtwirkung und die Schlagschatten, sprach von Linien und Werten. Die geräuschvolleren Vergnügungen der Großkaufleute wurden als störend empfunden und ihr Spiel als unkünstlerisch. Für die Kunst, das schöne Spiel, schwärmte man hier. Johan fühlte sich einige Stunden wohl unter diesen liebenswürdigen Menschen; wenn er aber von der Villa nebenan Quartettgesang und Tanzmusik hörte, verlangte er dorthin; da war es bestimmt lustiger.
In einsamen Stunden las er; jetzt erst schloß er wirkliche Bekanntschaft mit Byron. „Don Juan‟, den er schon kannte, hatte er nur leichtsinnig gefunden. Der handelte von nichts, und die Naturschilderungen waren unerträglich lang. Das sind nur Abenteuer oder Anekdoten, dachte er. In „Manfred‟ machte er von neuem die Bekanntschaft mit Karl Moor, wenn auch in anderer Tracht. Manfred war kein Menschenhasser; er haßte mehr sein Ich und ging in die Alpen, um sich selber zu fliehen, fand sich aber immer neben sich mit seinem Verbrechen; Johan begriff sofort den Gedanken, daß Manfred in verbrecherischem Verhältnis zu seiner Schwester steht. Heute glaubt man, Byron habe dieses Verbrechen, das in Wirklichkeit nicht vorhanden war, durchschimmern lassen, um sich interessant zu machen. Interessant sein wie die Romantiker, zu welchem Preis auch immer, würde man jetzt (1886) übersetzen mit: sich von andern unterscheiden, über die andern hinausstreben. (Dieses ewige Streben!) Das Verbrechen galt für ein Zeichen von Kraft; darum wollte man mit einem Verbrechen prahlen können, aber mit einem, das nicht bestraft wurde; mit Polizei und Gefängnis wollte man nichts zu tun haben. Es lag wohl auch etwas von Opposition gegen Gesetz und Moral in dieser Prahlerei mit einem Verbrechen.
Manfred gefiel Johan, weil er mit dem Himmel und der himmlischen Regierung unzufrieden ist. Wenn Manfred sein Pfui über die Menschen ruft, so gilt es wohl der Gesellschaft, aber die Gesellschaft war noch nicht entdeckt. Keineswegs waren diese, Rousseau und Byron und die andern, unzufriedene Menschenhasser. Altes Christentum ist die Forderung, daß man die Menschen lieben soll. Wenn man sagte, man interessiere sich für sie, wäre das bescheidener und wahrer. Menschen fürchten kann der wohl tun, der im Kampf überlistet und abgetan ist, aber hassen kann sie wohl niemand, da sich ja jeder solidarisch mit der Menschheit fühlt und weiß, daß der Verkehr der größte Genuß des Lebens ist. Byron war ein Geist, der früher geweckt wurde als die andern und der theoretisch die Volksmenge seiner Zeit hassen mußte, der aber doch für aller Wohl kämpfte und duldete.
Als Johan sah, daß die Dichtung in ungereimten Versen geschrieben war, begann er sie zu übersetzen; kam aber nicht weit, da er von neuem entdeckte, daß er keine Verse schreiben konnte. Er war nicht berufen.