Bald schwermütig, bald mutwillig, empfand er oft ein unwiderstehliches Verlangen, im Rausch das brennende Feuer des Gedankens zu löschen und das Gehirn in seinem Laufe anhalten zu lassen. Von Natur schüchtern, fühlte er sich zuweilen getrieben, vorzutreten, aus sich etwas zu machen, Zuhörer zu sammeln, aufzutreten. Wenn er viel getrunken hatte, wollte er deklamieren. Große Gedichte, feierliche. Aber mitten im Vortrag, wenn die Ekstase am größten war, hörte er seine eigene Stimme, wurde schüchtern, verlegen, fand sich lächerlich und schlug plötzlich um, ging in einen niedrigeren Ton über, geriet ins Komische hinein, um mit einer Grimasse zu enden. Er hatte Pathos, aber nur für eine Weile; dann kam die Selbstkritik, und er lachte über seine übertriebenen Gefühle. Die Romantik lag im Blut, aber die nüchterne Wirklichkeit war im Begriff zu erwachen.
Auch Anfälle von Launen und Selbstquälerei verfolgten ihn. So blieb er von einem Mittagessen fort, zu dem er geladen war, lag auf seinem Zimmer und hungerte bis zum Abend. Er schob die Schuld darauf, daß er sich verschlafen.
Der Sommer näherte sich seinem Ende und er sah dem Beginn der Volksschule mit Überdruß und Furcht entgegen. Jetzt war er in Kreisen gewesen, in denen die Armut nie ihr verheertes Gesicht gezeigt hatte; jetzt hatte er den lockenden Wein der Bildung gekostet und die Lust, wieder nüchtern zu werden, verloren.
Seine Schwermut nahm zu, er zog sich auf sich selbst zurück und verschwand aus dem Verkehrskreis. Aber eines Abends klopfte man an seine Tür; der alte Arzt, der sein intimster Verkehr gewesen und in derselben Villa wohnte, trat ein.
— Wie steht es mit dem Humor? fragte er und setzte sich nieder wie ein alter väterlicher Freund.
Johan wollte nicht bekennen. Wie sollte er sagen, daß er mit seiner Stellung unzufrieden war? Wie bekennen, daß er Ehrgeiz habe und es in der Welt zu etwas bringen wolle?
Aber der Doktor hatte das alles gesehen und verstanden.
— Sie müssen Arzt werden, sagte er. Das ist eine Tätigkeit, die für Sie paßt und Sie mit dem Leben in Berührung bringen wird. Sie haben eine lebhafte Phantasie, aber Sie müssen sich über sich selbst klar werden, sonst geht es Ihnen schlecht. Sie haben ja Lust für den Beruf? Nicht wahr? Habe ich recht geraten?
Er hatte recht geraten. Durch die Berührung mit diesen neuen Propheten, die auf die Geistlichen und Beichtväter gefolgt waren, hatte Johan in ihren praktischen Kenntnissen vom Menschenleben die Höhe menschlicher Weisheit gesehen. Ein Weiser werden, der die Rätsel des Lebens versteht, das war augenblicklich sein Traum. Augenblicklich, denn er wollte eigentlich keine bestimmte Laufbahn einschlagen, auf der er in die Gesellschaft eingeordnet würde. Nicht etwa aus Furcht vor Arbeit, denn er arbeitete mit Leidenschaft und litt unter Müßiggang. Er wollte sich aber nicht in die Listen der Gesellschaft einschreiben lassen, keine Nummer werden, kein Zahnrad, keine Schraubenmutter. Er konnte nicht gezähmt werden. Er wollte draußen stehen und betrachten, lehren und verkünden. Die Laufbahn des Arztes war in gewissem Sinne frei. Er war nicht Beamter, hatte keine Vorgesetzte, saß auf keinem Dienstzimmer, war nicht an den Glockenschlag gebunden. Das war ja ziemlich verlockend, und Johan wurde gelockt. Aber wie sollte das zugehen? Acht Jahre Studium!