Bei den Heimatlosen, den Israeliten, fand Johan jetzt sein neues Heim. Sofort schlug ihm eine neue Luft entgegen. Keine Erinnerung ans Christentum. Man quälte weder sich selbst noch andere. Kein Tischgebet, kein Kirchenbesuch, kein Katechismus. Was wollen die, welche an die Bedeutung des Christentums in der Entwicklung glauben, von einem Volke sagen, das zweitausend Jahre der Weltgeschichte ohne Christentum gelebt und sich zu einer solchen Kulturhöhe wie die andern erhoben hat, daß es beinahe vollständig in die christliche Gesellschaft hat aufgehen können? Sollte vielleicht die europäische „Weltgeschichte‟ das Christentum entbehren können: Kirchenversammlungen, Päpste, Inquisition, Dreißigjährigen Krieg, Luther entbehren können? Sollte vielleicht das Christentum ganz einfach eine Periode der Vermenschlichung gewesen sein, die eintreten mußte und nur mit der Entstehung der Kirche zusammenfiel, aber nicht von ihr abhängig war? Der Mohammedaner und der Buddhist können ja ebenso human sein wie der Christ, trotzdem die ersten den letzten nur treffen, wenn von Menschlichkeit keine Rede ist: nämlich in Kriegszeit.
Hier ist gut sein, dachte Johan; das sind befreite Menschen, die aus den Kulturen aller Länder das Beste geholt haben, ohne das Schlechte haben mitnehmen zu müssen. Sie waren viel auf Reisen gewesen, hatten Verwandte im Ausland, sprachen alle Sprachen, empfingen Ausländer im Hause. Alle großen und kleinen Angelegenheiten des Landes wurden besprochen und mit den ausländischen Originalen verglichen; dadurch bekam man einen größeren Gesichtskreis und konnte das Vaterländische richtiger einschätzen.
Die patriarchalische Leitung der Familie hatte nicht die Form von Familientyrannei angenommen; im Gegenteil behandelten die Kinder ihre Eltern mehr wie ihresgleichen, und die Eltern waren zärtlich, ohne kleinlich zu sein. In einen unfreundlichen Weltteil verschlagen, von halben Feinden umgeben, suchten die Mitglieder der Familie Schutz beieinander und hielten zusammen. Ohne Vaterland sein, was man für so schwer hält, hat den Vorteil, daß die Intelligenz immer am Leben erhalten wird. Unaufhörliche Wachsamkeit, beständige Beobachtung, neue und reiche Erfahrungen bieten sich dem Wandernden, während der Stillsitzende träge wird und sich auf andere verläßt.
Die Kinder Israel nehmen eine eigentümliche Ausnahmestellung in sozialer Hinsicht ein. Sie haben die Messiasverheißung vergessen und glauben nicht daran. In den meisten Ländern Europas sind sie Mittelklasse geblieben. Unterklasse zu werden, war ihnen wohl verweigert, wenn auch nicht in der Ausdehnung, wie man gewöhnlich glaubt. Oberklasse zu werden, ebenfalls. Darum fühlen sie sich nicht verwandt mit der Unterklasse und auch nicht mit der Oberklasse. Sie sind Aristokraten aus Gewohnheit und Neigung, haben aber dasselbe Interesse wie die Unterklasse: nämlich den Stein, der oben liegt und drückt, abzuheben. Aber sie fürchten den Proletarier, denn der ist religiös verdummt und liebt die Reichen nicht. Darum fliehen die Kinder Abrahams lieber nach oben, als daß sie unten Sympathie suchen.
Zu dieser Zeit, 1868, begann man die Frage, wie weit sich die Rechte der Juden erstrecken, zu erörtern. Alle Liberalen stimmten dafür. Damit dankte das Christentum ab. Taufe, Trauung, Konfirmation, Kirche, alles wurde unnötig für den Bürger einer christlichen Gemeinschaft. Solche scheinbar kleinen Reformen wirken auf den Staat wie der Tropfen auf den Felsen.
Es herrschte deshalb eine fröhliche Stimmung in der Familie, da die Zukunft der Söhne nun heller zu werden schien, als die des Vaters gewesen war, dessen akademische Laufbahn die Gesetzgebung einmal gehindert hatte.
Ein freigebiger Tisch wurde im Hause gehalten; alles war von bester Ware und in reichlicher Menge. Die Dienstboten hielten haus und hatten freie Hände in allem; wurden niemals als Dienstboten behandelt. Das Hausmädchen war Pietistin, durfte es sein, soviel sie wollte. Sie hatte eine gute und humoristische Natur und scherzte, unlogisch genug, mit dem im Hause herrschenden frohen Heidentum. Niemand scherzte dagegen mit ihrem Glauben. Johan selber wurde bald als vertrauter Freund, bald als Kind behandelt; er wohnte mit den Knaben zusammen. Sein Dienst war leicht. Es lag dem Vater mehr daran, daß er den Kindern Gesellschaft leiste, als daß er sie unterrichte. Er wurde hier etwas „verwöhnt‟, wie man zu sagen pflegt, mit der gewöhnlichen Auffassung, daß die Jugend zurückgesetzt werden müsse. Erst neunzehn Jahre alt, wurde er als einer ihresgleichen unter bekannte und reife Künstler, Ärzte, Schriftsteller, Beamte aufgenommen. Er begann sich für erwachsen zu halten, und die Rückschläge wurden darum desto härter.
Seine medizinische Laufbahn begann mit chemischen Versuchen auf der Technischen Hochschule. Da bekam er die erträumten Herrlichkeiten seiner Kindheit aus nächster Nähe zu sehen. Aber wie trocken und langweilig waren die Wurzeln der Wissenschaft! Säuren auf Salze gießen und sehen, wie die Lösung ihre Farbe ändert, das war nicht angenehm. Aus einigen Lösungen Salze hervorbringen, nicht sehr interessant. Später, als die Analyse kam, begann das Geheimnisvolle. Einen Becher, so groß wie ein Punschglas, mit einer wasserklaren Flüssigkeit füllen und dann auf dem Filter die vielleicht zwanzig Stoffe, die sie enthält, vorzeigen, das hieß doch etwas in die Geheimnisse eindringen.