In einer Zeit, die das Recht der Mehrheit verkündet, hätte man nicht erwartet, daß das Vorgehen der Bauern auf Widerstand stoßen werde. Schweden war ein Bauernreich, denn die Landbevölkerung bestand aus vier Millionen; bei einer Volksmenge von viereinhalb Millionen ist das wohl die Mehrheit. Sollte nun die halbe die vier regieren oder umgekehrt? Das letzte scheint billiger zu sein. Nun sprechen natürlich die Städter von der Selbstsucht und Tyrannei der Bauern. Aber haben denn die Arbeiter auf ihrem Programm einen einzigen Punkt, der die Lage der Bauern, Instleute und Kätner verbessern will? War nicht ihre Selbstsucht größer, als sie den Brotpreis der vierzehn Prozent gegen das ganze Gewerbe und Dasein der sechsundachtzig Prozent durch Schutzzölle schützen wollten? Wie dumm, von Selbstsucht zu sprechen, da ja jeder einzige dem Ganzen nützen soll, wenn er sich selber nützt!
Jetzt, 1868, entdeckten die Mißvergnügten eine Partei, die der gesetzlichen und löblichen Mehrheit gegenübergestellt werden sollte und die alle gründlichen Reformen auf ihr Programm schrieb. Das war die neuliberale Partei, die meist aus Schriftstellern bestand, dann aus einigen Handwerkern, einem Professor und andern. Diese Partei wieder erweckte die städtischen Industriearbeiter als einen neuentdeckten Stand. Mit dieser Handvoll Personen, die nicht die größeren und wichtigeren Interessen des Grundbesitzes hatten, deren Stellung so wenig gesichert war, daß eine Teuerung sie zu Proletariern machen konnte, sollte jetzt die Gesellschaft umgeschaffen werden. Was wußten die Arbeiter von der Gesellschaft? Wie wollten sie die haben? Zu ihren Gunsten sollte sie umgeschaffen werden, wenn auch der Bauernstand draufging! Aber das hieß sich die Beine absägen, denn Schweden ist kein exportierendes Industrieland. Daher würden die vier Millionen Kunden auf dem Lande im selben Augenblick, in dem sich ihre Kaufkraft verringerte, ohne es zu wollen, die Industrie ruinieren und die Arbeiter auf die Straße setzen. Daß die Arbeiter vorwärts kommen, ist eine Notwendigkeit; aber alle Menschen, wie die Industriesozialisten es fordern, zu Industriearbeitern machen wollen, ist viel unvernünftiger, als alle Menschen zu Bauern machen, wie die Bauernsozialisten beabsichtigen. Das Kapital, das die Arbeiter jetzt angreifen, ist doch wohl das Fundament der Industrie; rührt man das an, so stürzt die Industrie zusammen; dann müssen die Arbeiter zurück, woher sie gekommen sind und noch täglich kommen — aufs Land.
Noch war die Bauernpartei nicht verdorben durch den Verkehr mit feinen Herren; war weder konservativ geworden noch machte Kompromisse. Der Krieg schien zwischen Land und Stadt auszubrechen. Jedenfalls war Gewitter in der Luft. Die kleinste Veranlassung konnte Blitze hervorbringen, wenn sie auch nur von Bärlappsamen waren.
Die Hauptstadt mit ihrem hohen Interesse für die Kultur wollte Karl XII. eine Statue errichten. Warum? War dieser letzte Ritter des Mittelalters das Ideal der Zeit? War das Idol von Gustav IV. Adolf und Karl XII. ein Ausdruck für die neue unkriegerische Zeit geworden, die begann? War es ein Echo von der Zeit des Skandinavismus, da Er selbst in höchsteigener Person den sterbenden Kriegsruhm Schwedens neu beleben wollte? Oder ging das Ganze, wie es so oft geschieht, vom Atelier des Bildhauers aus? Wer weiß? Das Standbild war fertig und sollte enthüllt werden. Tribünen für die Zuschauer wurden errichtet, aber so ungeschickt, daß die Feier von der Volksmenge nicht gesehen werden konnte, während der abgesperrte Raum nur den Hof und die Eingeladenen, die Sänger und die Gehilfen faßte. Da das Volk auch zum Denkmal gesammelt hatte, glaubten alle das Recht aufs Schauen zu haben. Die Tribünen machten böses Blut. Man schrieb in den Zeitungen, reichte eine Bittschrift ein, daß die Tribünen abgebrochen würden; die Antwort war aber nein. Das Volk sammelte sich, um die Tribünen niederzureißen; da aber zog Militär auf.
Der Doktor gab ein Diner für die italienische Operngesellschaft. Man war vom Nachtisch aufgestanden, als Laute von der Straße zu hören waren. Zuerst klang's wie Regen, der auf ein Blechdach fällt, dann war deutlich das Massengeschrei zu hören. Johan horchte auf. Es war nichts mehr zu hören. Die Weingläser klangen zwischen italienischen und französischen Phrasen, die über den Tisch hin und her geworfen wurden; Lachen schallte und Witze hagelten; die Fischgesellschaft hörte sich selber kaum. Da aber drang ein Brüllen von der Straße herauf, gleich danach Pferdegetrappel, Gerassel von Waffen und Sattelzeug. Einen Augenblick wurde es still, der eine und der andere erbleichte.
— Was ist das? fragte die Primadonna.
— Das Pack lärmt, antwortete ein Professor.
Johan stand vom Tische auf, ging in sein Zimmer, nahm Hut und Mantel und eilte hinaus. Das Pack! klang's in seinen Ohren, während er die Straße hinunterging. Das Pack! Das waren die früheren Klassengenossen seiner Mutter, das waren seine Schulkameraden und dann seine Schüler; das war dieser dunkle Hintergrund, auf dem die hellen Gemälde dort oben wirken konnten. Er hatte wieder dieses Gefühl, als sei er desertiert; habe unrecht getan, sich in die Höhe zu arbeiten. Aber er mußte doch erst in die Höhe kommen, um für die in der Tiefe etwas ausrichten zu können. Ja, so hatten viele gesprochen: waren sie aber erst hinaufgekommen, hatte es ihnen so gut dort oben gefallen, daß sie die dort unten vergaßen. Diese Reiter zum Beispiel, die aus den allerdunkelsten Löchern gekrochen waren, wie brüsteten die sich! Mit welchem ungemischten Vergnügen hieben sie auf ihre Kameraden ein; wenn man auch zugeben mußte, daß sie noch lieber die schwarzen Hüte niedergehauen hätten.
Er ging weiter und kam auf den Markt, wo das neue Denkmal stand. Die Tribünen hoben sich vom Abendhimmel ab wie riesige Marktbuden, und unten um sie wimmelte es von Menschen. Aus der Mündung der Straße war Pferdegetrappel zu hören, ein kurzer Schritt nur. Und dort kamen sie angeritten, die blauen Gardereiter, die Stützen der Gesellschaft, auf die sich die Oberen verließen. Johan wurde von einem rasenden Verlangen ergriffen, dieser Masse Pferde, Menschen, Säbel entgegenzugehen, als sähe er in ihnen den ganzen Druck verkörpert. Das war der Feind! Also los auf ihn. Die Truppe reitet weiter, und Johan stellt sich mitten auf die Straße.