Jetzt im Frühling verließ Johan seine alte Stellung als Hauslehrer bei den beiden Mädchen; er hatte also freie Zeit genug, um während des Sommers seine Kunst zu studieren, im geheimen und auf eigene Faust. Er hatte über die Bücher gelächelt, und die ersten, die er jetzt aufsuchte, waren die Bücher. Darin standen die Gedanken und Erfahrungen der Menschen, und mit diesen, von denen die meisten tot waren, konnte er jetzt vertraulich sprechen, ohne verraten zu werden. Er hatte gehört, daß im Schloß eine Bibliothek sei, die dem Staate gehöre und aus der man Bücher leihen könne. Er verschaffte sich eine Bürgschaft und ging ins Schloß. Es war feierlich: viele, viele Bücher standen in den kleinen Zimmern, und grauhaarige, stille Greise saßen da und studierten. Er bekam seine Bücher und ging scheu und glücklich nach Hause.

Er wollte seine Sache gründlich behandeln, ihr auf den Grund gehen, und er war gründlich. Aus Schiller holte er die Äußerung von der tiefen Bedeutung des Theaters; aus Goethe nahm er eine ganze Abhandlung, mit direkten Vorschriften, wie man gehen und stehen, sich halten und setzen, hereinkommen und hinausgehen solle; in Lessings „Hamburgischer Dramaturgie‟ las er einen ganzen Band Theaterkritiken mit den feinsten Beobachtungen. Lessing machte ihm am meisten Hoffnung; der erklärte sogar, das Theater sei durch die Kunst der Schauspieler heruntergekommen und verlangte, man solle mit Dilettanten aus den gebildeten Klassen spielen; die würden die Rollen besser verstehen als die geschulten und oft ungebildeten Schauspieler. Auch las er Remond de Sainte Albine[4], dessen viel zitierte Beobachtungen über Bühnenkunst von großem Wert sind.

Daneben unternahm er praktische Übungen. Zu Hause beim Doktor ordnete er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben. Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebe über den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön herabfielen.

Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte, war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke Sprechstimme.

Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß, Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu machen.


15.
Wie er Aristokrat wird.
(1869)

Im Hause verkehrte unter andern ein junger Mann, der die Bildhauerkunst studierte. Er war aus den unteren Schichten der Gesellschaft gekommen, war Schmiedejunge gewesen und jetzt in die Akademie eingetreten, wo er sein Probestück machte. Er war glücklich und immer heiter, glaubte von der Vorsehung auf seine neue Laufbahn berufen zu sein; erzählte, wie er vom Geist geweckt und getrieben worden, im Dienst des Schönen zu wirken. Johan hatte ihn gern, weil er weder grübelte noch sich selbst kritisierte, sondern vollständig unbewußt war. Außerdem war er ein Mitschuldiger, der dasselbe vermessene Ziel wie Johan verfolgte: aus der Unterklasse herauszukommen; das Gefühl aber, daß er sich schuldig mache, fehlte ihm, während Johan ständig davon geplagt wurde.

Der Bildhauer war auch gläubiger Christ, war fest in seinem Glauben; wollte von einem andern Glauben nichts wissen. Die beiden jungen Leute kamen sofort überein, den Glauben des andern zu achten. Johan hielt diese Übereinkunft, während der Freund sie zuweilen vergaß. Der war als Christ streng in theoretischer Moral, gab aber sonst dem Fleisch das Seine. Johan betraf ihn eines Tages dabei, wie er mitten am Vormittage ein Mädchen aus seinem Zimmer ließ. Ohne verlegen zu werden, erklärte der Bildhauer ganz einfach, sein Fleisch verlange das, während er gleichzeitig erzählte, andere Menschen lebten wie Schweine.