Darauf las ein anderer ein Gedicht vor. Is sollte sich darüber äußern. Er begann mit Kant, berührte Schopenhauer und Thackeray und schloß mit einem Vortrag über George Sand. Keiner merkte, daß er nicht auf das Gedicht einging.

Dann zog man ins Wirtshaus, um zu essen. Is sprach immer Philosophie, Ästhetik, Weltgeschichte. Zuweilen mit einem traurigen Ausdruck in den schwarzen unbegreiflichen Augen, die nie auf der Gesellschaft ruhten, sondern ein unsichtbares Publikum weit in der Ferne, in unbekannten Räumen zu suchen schienen. Die Verbindung lauschte andächtig, hingerissen.

Von diesem Mann sollte Johan jetzt sein Urteil hören. Er sowohl wie einer der poetischesten Bundesbrüder fingen an, stark an ihrem Beruf zu zweifeln. Oft, wenn sie viel getrunken hatten, fragten sie einander, ob man glaube. Darunter verstand man, ob der andere zum Dichter berufen sei. Es war ganz der gleiche Zweifel, den Johan empfunden, als er sich fragte, ob er ein Kind Gottes sei. Jetzt sollte Is Johans neues Drama lesen und sein Urteil abgeben.

Eines Morgens ging Johan zu ihm hinauf, um sein Urteil zu hören. Is sprach bis Mittag. Wovon? Von allem. Aber er hatte jetzt in Johans Seele eingegriffen. Er hatte die Fäden durch Thurs' Berichte kennen gelernt und riß jetzt an ihnen nach Belieben. Nicht aus Mitgefühl wühlte er in Johans Eingeweiden, sondern aus einem Verlangen, das an die Spinne erinnerte. Über das Stück äußerte er sich nicht direkt, sondern entwarf den Plan zu einem neuen, nach seinem Sinn. Er wirkte wie ein Magnetiseur. Johan war betört, verließ ihn aber in Verzweiflung, als habe der Freund seine Seele genommen, sie zerpflückt und die Stücke von sich geworfen, nachdem er seine Neugier befriedigt.

Aber Johan kam wieder und saß auf dem Sofa des weisen Mannes, lauschte auf seine Worte, als seien sie ein Orakel; fühlte sich vollständig in seiner Gewalt. Oft glaubte er, es sei ein Geist, der auf dem Teppich wandere, wenn sein Körper in der Tabakswolke verschwand. Er wirkte „dämonisch‟, das heißt, beim ersten Anblick unerklärlich. Er hatte kein Blut in den Adern, keine Gefühle, keinen Willen, keine Begierden. Es war ein sprechender Kopf. Sein Standpunkt war keiner und alle. Er war ein Präparat von Büchern; der Mann war typisch für einen Buchgelehrten, der nie gelebt hatte.

Oft, wenn die Bundesbrüder allein waren, sprachen sie über Is. Thurs war seiner schon müde und fragte sich, ob er ein Verbrechen begangen habe, denn er schien von einer beständigen Unruhe getrieben zu werden. Dazu kam an den Tag, daß er Poet sei, seine Poesien aber nicht zeigen wolle, weil er von der Dichtkunst zu hoch denke. Auch wunderte man sich, daß man nie ein Buch in der Wohnung des gelehrten Mannes fand. Und dann fragte man sich, warum er diese Jünglinge aufsuche, denen er so überlegen war und deren Poesie er verachten mußte.

Die Jünglinge, die selbst am Ausgang der Romantik standen, kannten den blutlosen Romantiker nicht wieder, der den festen Boden unter den Füßen verloren hatte. Sie sahen in dem langen Haar und dem schäbigen Hut die Kopie von Murgers Bohémien. Sie wußten nicht, daß diese „Zerrissenheit‟ eine Pariser Mode war; daß diese hohle Weisheit von deutscher Mystik gesponnen wurde; diese Experimentalpsychologie aus Kierkegaard stammte; daß dieses interessante Wesen, das ein nicht begangenes Verbrechen durchblicken ließ, einen tiefen geheimen Kummer andeutete, Byron entlehnt war. Das verstanden sie nicht. Darum konnte Is auch mit Johans Seele spielen und ihn in seinem Garn halten. Ja, Johan war so von ihm eingenommen und umstrickt, daß er sich in einer Rede Gamaliel nannte, der zu Pauli (Is') Füßen gesessen, um Weisheit zu empfangen.

Das schließliche Ergebnis war, daß Johan eines Abends sein neues Drama verbrannte. Es war die Arbeit eines Vierteljahrs, die in Flammen aufging. Als er die Asche sammelte, weinte er. Is hatte, ohne es zu sagen, ihm gezeigt, daß er kein Dichter sei. Alles war ein Irrtum, auch das! Dazu kam die Verzweiflung darüber, daß er den Vater betrogen habe und nun keine Arbeit nach Haus bringen könne, die sein Versäumnis gerechtfertigt hätte.

In einem Anfall von Reue und um irgendein Ergebnis aufweisen zu können, meldet er sich zu der schriftlichen Prüfung im Latein, jedoch ohne die erforderlichen Aufgaben und Aufsätze geschrieben zu haben. Der Professor erblickt seinen Namen und kennt ihn nicht. Der Pedell kommt an einem Sonntagabend, als Johan eben von einem Mittagessen angeheitert zurückgekehrt ist. Johan geht kühn zum Professor und fragt, was er wolle.

— Sie gedenken die schriftliche Prüfung in Latein zu machen?