ORM. Ich bin nur ein Dichter geworden.
DER JARL. Darum bist du auch nichts geworden.
Johan glaubte jetzt nämlich, das Leben des Dichters sei ein Schattenleben; er habe kein Ich, sondern lebe nur in einem andern Ich. Aber ist es so sicher, daß der Dichter kein Ich hat, weil er nicht nur ein einziges hat? Vielleicht ist er reicher als andere, da er mehrere besitzt. Und warum ist es besser, ein Ich zu haben, da das einzige Ich jedenfalls nicht mehr unser Eigentum ist als mehrere Ichs; ein Ich ist ja ein von Eltern, Erziehern, Verkehr, Büchern zusammengesetztes Resümee? Vielleicht weil die Gesellschaft, als eine Maschinerie, verlangt, daß diese Einheiten, die Ichs, wie Räder, Muttern, Maschinenteile für einen beschränkten automatischen Zweck arbeiten sollen. Aber dann ist ja der Dichter mehr denn der Maschinenteil, wenn er selbst eine ganze Maschine ist?
In dem Einakter hatte Johan sich in fünf Personen verkörpert. Im Jarl, der gegen die Zeit kämpft; im Dichter, der überschaut und durchschaut; in der Mutter, die sich empört und rächt, deren Rachgier aber durch ihr Mitgefühl aufgehoben wird; in dem Mädchen, das mit dem Vater ihres Glaubens wegen bricht; in dem Geliebten, der eine unglückliche Liebe trägt. Johan verstand die Motive aller handelnden Personen; er sprach für die Sache aller.
Aber ein Theaterstück, das für Durchschnittsmenschen geschrieben wird, die über alles fertige Ansichten haben, muß Partei ergreifen für mindestens einige seiner Gestalten, um das immer leidenschaftliche und parteiische Durchschnittspublikum zu gewinnen. Das hatte Johan nicht tun können, weil er an ein absolutes Recht oder Unrecht nicht glaubte, aus dem einfachen Grunde, weil diese Begriffe alle relativ sind. Man kann recht für die Zukunft und unrecht für die Zeitgenossen haben; man hat dieses Jahr unrecht, bekommt aber nächstes Jahr recht; der Vater kann glauben, der Sohn habe recht, während die Mutter findet, er habe unrecht; die Tochter hat recht, zu lieben, wen sie liebt, der Vater aber glaubt, sie habe unrecht, einen Heiden zu lieben.
Das ist der Zweifel. Warum hassen und verachten die Menschen den Zweifler? Weil der Zweifel Entwicklung ist, und die Gesellschaft die Entwicklung haßt, da sie ihre Ruhe stört. Aber Zweifel ist gerade wahre Menschlichkeit und wird mit Humanität im Urteil enden. Nur der Dumme ist sicher; nur der Unwissende glaubt die Wahrheit gefunden zu haben. Aber Ruhe ist Glück, darum suchen die Pietisten das Glück in der Ruhe des Stumpfsinns. Der Zweifel zehrt an der Tatkraft, sagt man. Aber ist es denn besser, zu handeln, ohne sich zu besinnen und die Folgen der Handlung zu überlegen? Das Tier und der Wilde handeln blind, gehorchen der Begierde und dem Trieb; darin gleichen sie den Männern der Handlung!
Als er von der Aufführung nach Upsala zurückkehrte, wurde er wiederum von schmähenden Kritiken verfolgt. Teils waren sie wahr; zum Beispiel, daß die Form den „Kronprätendenten‟ entlehnt sei; aber auch das war nur zum Teil wahr, denn Johan hatte den eiskalten Ton und die herbe Sprache direkt aus den isländischen Sagen genommen, während er den Lebensinhalt aus seiner eigenen Vorratskammer geholt hatte. Der Hohn verfolgte ihn; er wurde für einen Mann gehalten, der Dichter werden wolle; das war das Schlimmste, dessen man verdächtigt werden konnte.
Während er Not leidet und arbeitet, kommt, eine Woche nach der Niederlage, ein Brief vom Rendanten des Königlichen Theaters mit dem Ersuchen, Johan solle sofort nach Stockholm kommen: der König wünsche ihn zu sehen.
Krankhaft mißtrauisch, glaubt Johan der Gegenstand eines Ulks zu sein; er geht sofort mit dem Brief zu seinem klugen Freund, dem Naturforscher. Dieser telegraphiert noch am Abend an einen bekannten Schauspieler des Königlichen Theaters und bittet ihn, den Rendanten zu fragen, ob er wirklich an Johan geschrieben habe.