In der Nacht schlief Johan unruhig, zwischen Hoffnung und Furcht hin- und hergeworfen. Am nächsten Morgen kam die Antwort: es sei richtig, Johan solle sofort kommen. Er reiste.

Warum zögerte er nicht, die königliche Gnade anzunehmen, während ihm doch der Empörer im Leibe saß? Weil er, ganz einfach, keiner demokratischen Partei angehörte; weder Mutter noch Vater je versprochen hatte, nicht die königliche Gunst anzunehmen; weil er an die Aristokratie glaubte, daran, daß die Besten zum Herrschen berechtigt sind. Und er glaubte nicht, daß die Besten dort unten zu finden sind; das hatte er ja auch in seiner kleinen Tragödie „Das sinkende Hellas‟ gezeigt, in der er die Demagogen verhöhnte. Tyrannen haßte er, aber dieser König war kein Tyrann. Zum Zaudern war also kein Anlaß, weder außer ihm noch in ihm.

Er fuhr also nach Stockholm und wurde vorgelassen. Der König war jetzt sehr krank, sah so abgezehrt und verfallen aus, daß er einen schmerzlichen Eindruck machte. Er war mild, wie er da mit seiner langen Tabakspfeife stand und den jungen bartlosen Dichter anlächelte, der stolpernden Schrittes zwischen den Reihen der Adjutanten und Kammerherren eintrat. Der König dankte Johan für das Vergnügen, das das Stück ihm bereitet habe. Er habe sich selbst in seiner Jugend mit einem Wikingergedicht beim Wettstreit der Schwedischen Akademie beteiligt und liebe das Altnordische. Er wolle dem jungen Studenten zu seinem Doktor verhelfen. Es schloß damit, daß er Johan an die Hofverwaltung wies, der er zu einer ersten Auszahlung Auftrag gegeben habe. Später solle es mehr werden. Dabei sprach er die Vermutung aus, Johan habe noch einige Jahre bis zum Doktorexamen.

Damit war seine nächste Zukunft gesichert. Johan fühlte sich von dieser Güte eines Königs, der an so viel und so viele zu denken hatte, dankbar gerührt.

Er kehrte nach Upsala zurück und sah zwei Monate lang, wie der Sonnenschein ihn in einen Stern verwandelt hatte. Der Hofmarschall, der ihm das Geld anwies, hatte ihn gefragt, ob er später ins Ministerium oder die Bibliothek eintreten wolle. So weit waren seine Gedanken nicht gestiegen und stiegen auch jetzt noch nicht.

Der hauptsächlichste Zweck des menschlichen Strebens scheint zu sein und muß wohl sein: das Leben bis zum Tode auf die am wenigsten unangenehme Art zu fristen. Dieser Zweck schließt die Fürsorge für das Wohl der andern nicht aus; im Gegenteil, denn zum angenehmen Leben gehört das Bewußtsein, fremdes Recht nicht unnötig verletzt zu haben. Darum können rechtmäßig erworbene Reichtümer einem allein ein angenehmes Leben gewähren; darum kann keine Laufbahn, die über Leichen geht oder andere zur Seite schiebt, ein angenehmes Leben bereiten; darum ist der Utilitarismus, die Weltanschauung, die das Glück für die meisten will, nicht unmoralisch.

Trotz aller Askese konnte Johan nicht umhin, sich glücklich zu fühlen. Sein Glück bestand in der halben Gewißheit, daß er sein Leben leben könne, ohne die größeren Schmerzen zu erdulden, die Unsicherheit der Existenzmittel verursachen. Sein Dasein war von der Not bedroht gewesen; jetzt war er geschützt. Das Leben war ihm wiedergeschenkt, und es ist lieblich, leben zu dürfen, wenn man noch im Wachstum steht. Seine von Hunger und Oberanstrengung zusammengefallene Brust hob sich, sein Rücken wurde gerade, das Leben kam ihm nicht mehr so traurig vor. Er war mit seinem Los zufrieden, weil das Leben heller zu werden schien; er wäre undankbar gewesen, wenn er sich zu den Mißvergnügten gestellt hätte.

Lange dauerte das aber nicht. Als er die alten Kameraden um sich her in ihrer früheren Lage, die sich durch sein Glück nicht verändert hatte, weiter arbeiten sah, fand er, daß eine Disharmonie eingetreten war. Sie waren gewohnt, ihm wie einem Notleidenden zu helfen; jetzt war das nicht mehr nötig. Sie hatten ihn gern, weil sie ihn beschützen durften; waren gewohnt, ihn unter sich zu sehen. Als er nun in die Höhe kam, neben sie, über sie, fanden sie ihn natürlich verändert. Die veränderten Verhältnisse hatten ihn verändern müssen. Der Notleidende ist nicht so kühn in seinen Ansichten und nicht so gerade im Rücken wie der Geborgene. Er war verändert für sie, aber war er darum schlechter? Selbstgefühl ist ja sonst eine geschätzte Ware. Genug, er verletzte nur mit seinem Glück; noch mehr dadurch, daß er nun seinerseits die andern glücklich machen wollte.

Das Geschenk brachte ihm Verpflichtungen, und Johan beeilte sich, Kolleg und Seminar zu belegen. Er machte am Ende des Semesters das Tentamen in Philologie, Astronomie, Staatswissenschaft; erhielt aber in allen Fächern eine geringere Zensur, als er gedacht hatte. Er hatte einerseits zu viel studiert, andererseits zu wenig.

Im Tentamen wurde er gewöhnlich von Aphasie ergriffen. Die Physiologie schreibt diese Krankheitsform Schäden zu, die der linken Stirnwindung zugefügt sind. Wirklich hatte Johan zwei Narben über dem linken Auge: die eine von einem Beilhieb, die andere von einem Stein, an dem er sich schwer geschlagen hatte, als er den Hügel der Sternwarte hinunterstürmte. Dieser Aphasie wollte er auch eine unüberwindliche Schwierigkeit, Reden zu halten und fremde Sprachen zu sprechen, zuschreiben. Er saß da, ohne antworten zu können, obwohl er mehr wußte, als gefragt wurde. Dann kam der Trotz und die Selbstquälerei, der Mißmut und die Neigung, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Lehrbücher kritisierte er; fühlte sich unehrlich, wenn er das lernte, was er verachtete. Die Rolle, die man ihm gegeben, begann, ihm unbequem zu werden; er sehnte sich fort, wohin es auch sei, wenn er nur fort komme.