Die Kirche stand auf der andern Seite der Landstraße und warf mit ihrem pechschwarzen Dach und ihrer leichenweißen Wand einen Schatten über das sommerliche Gemälde. Grabkreuze ragen über die Kirchenmauern und gehören schließlich zu seiner täglichen Fensteraussicht. Die Kirche schlägt nicht den ganzen Tag über wie die Klarakirche in Stockholm, aber abends um sechs Uhr dürfen die Knaben mit der Leine, die vom Turm herunterhängt, läuten. Es war ein großer Augenblick, als er zum ersten Male an die Reihe kam. Er fühlte sich fast als Beamten der Kirche, und als er drei Male die drei Schläge zählte, glaubte er, Gott, Pastor, Kirchspiel würden zu Schaden kommen, wenn er einmal zuviel anschlage.
Sonntags durften die großen Knaben in den Turm hinaufsteigen und die Glocken läuten. Dann stand Johan auf der dunkeln Holztreppe und bewunderte sie.
Später im Sommer kam eine Bekanntmachung mit schwarzen Rändern. Als sie in der Kirche vorgelesen wurde, entstand große Aufregung. König Oscar I. war gestorben. Man erzählte viel Gutes von ihm, wenn auch niemand ihn gerade betrauerte. Jetzt aber wurde täglich zwischen zwölf und eins geläutet.
Die Kirchenglocken schienen ihn zu verfolgen.
Auf dem Kirchhof spielte man zwischen den Gräbern, und die Kirche wurde ihm bald vertraut. Des Sonntags wurden alle Pensionäre aufs Orgelchor geschickt. Wenn der Küster das Kirchenlied begann, waren die Knaben an den Stimmen aufgestellt: bei einem Nicken des Meisters wurden alle Stimmen auf einmal ausgezogen und die Jugend brach los im Chor. Das machte immer eine große Wirkung auf die Gemeinde.
Indem er die heiligen Dinge aus der Nähe sah und selber mit dem Zubehör zum Kultus zu tun hatte, wurden die hohen Dinge ihm bald vertraut und seine Ehrfurcht verringerte sich. So erhob ihn das Abendmahl nicht mehr, als er am Abend vorher in der Küche des Küsters von dem heiligen Brot gegessen hatte; dort wurde es gebacken und mit einer Stanze gestempelt, auf die das Kruzifix graviert war. Die Knaben aßen es und nannten es Mundlack. Einmal wurde er nach dem Abendmahl zusammen mit den Kirchenvorstehern in die Sakristei geladen und bekam dort Wein zu trinken.
Trotzdem erwachte jetzt, nachdem er von der Mutter losgerissen worden und sich von unbekannten drohenden Mächten umgeben fühlte, ein starkes Bedürfnis, sich an einen Schutzgeist anzuschließen. Sein Abendgebet sprach er mit ziemlicher Andacht; morgens, wenn die Sonne schien und der Körper ausgeruht war, empfand er dieses Bedürfnis nicht.
Eines Tages, als die Kirche gelüftet wurde, liefen die Kinder hinein und spielten darin. In einem Anfall von Wildheit wurde der Altar gestürmt. Aber Johan, der zu weiteren Großtaten angestachelt wurde, stieg auf die Kanzel, kehrte das Stundenglas um und predigte aus der Bibel. Dieser Streich machte großes Glück.
Als er wieder herunter kam, lief er oben auf den Kirchenstühlen durch die ganze Kirche, ohne den Boden zu berühren. Als er an den ersten Kirchenstuhl beim Altar kam, der dem Grafen gehörte, trat er so heftig auf das Gesangbuchpult, daß es krachend zu Boden stürzte. Eine Panik entsteht; alle Kameraden eilen aus der Kirche. Allein stand er da, wie vernichtet.
Jetzt wäre er gern zur Mutter gestürzt, um seine Schuld zu bekennen und sie um Hilfe zu bitten. Aber sie war nicht da. Er erinnert sich an Gott. Fällt vorm Altar auf die Knie und betet das ganze Vaterunser. Stark und ruhig, als habe er einen Gedanken von oben bekommen, steht er vom Boden auf, untersucht den Kirchenstuhl, sieht, daß die Zapfen nicht abgebrochen sind; nimmt die Leiste, paßt Fugen und Zapfen ein; zieht einen Stiefel aus, um ihn als Hammer zu benutzen; und mit einigen wohlgezielten Schlägen ist das Pult in Ordnung gebracht. Er prüft sein Werk; es hält.