Verhältnismäßig ruhig verläßt er die Kirche. Wie einfach, dachte er jetzt. Er schämte sich, daß er das Vaterunser gebetet hatte. Warum schämte er sich? Vielleicht fühlte er dunkel, daß es in diesem wirren Komplex, der Seele heißt, eine Kraft gibt, die, in der Stunde der Not zur Selbstverteidigung aufgerufen, eine recht große Fähigkeit sich zu helfen besitzt. Daß er nicht glaubte, Gott habe ihm geholfen, ging daraus hervor, daß er nicht niederfiel und für die Hilfe dankte; und dieses unbestimmte Gefühl von Scham entstand wahrscheinlich daher, daß er einsah, er sei über den Fluß gegangen, um Wasser zu holen.
Das war aber nur ein vorübergehender Augenblick von Selbstgefühl. Er verblieb ungleich und wurde jetzt auch launenhaft. Laune, Kapuze, diables noirs, wie der Franzose sagt, ist eine noch nicht ganz erklärte Erscheinung. Das Opfer ist besessen: es will das eine, tut aber das Gegenteil; es leidet unter dem Verlangen, sich Böses zuzufügen, und genießt beinahe die Selbstquälerei. Es ist eine Seelenkrankheit, eine Krankheit des Willens; und ältere Psychologen wagten eine Erklärung, indem sie auf die Zweiheit im Gehirn hinwiesen; dessen beide Halbkugeln könnten unter gewissen Umständen selbständig wirken, jede für sich, und im Kampfe gegen einander. Doch hat man diese Erklärung verworfen. Die Doppelheit der Persönlichkeit haben viele beobachtet, und Goethe hat sie im „Faust‟ behandelt. Launenhafte Kinder, die „nicht wissen, was sie wollen‟, enden mit Weinen, in das sich die Nervenspannung auflöst. Sie „betteln um Schläge‟, sagt man auch; und eigentümlich ist, wie eine leichte Züchtigung bei solchen Gelegenheiten die Nerven ins Gleichgewicht bringt und dem Kinde beinahe willkommen zu sein scheint; es beruhigt sich sofort, ist versöhnlich, durchaus nicht bitter über die Strafe, die es nach seiner Ansicht ungerecht erlitten hat. Das Kind hat wirklich um Strafe als Medizin gebettelt.
Aber es gibt eine andere Art, die schwarzen Geister auszutreiben. Man nimmt das Kind in seine Arme, damit es den Magnetismus eines freundlichen Menschen fühlt, und es beruhigt sich. Diese Art ist besser als alle anderen.
Der Knabe hatte solche Anfälle. Wenn ein Vergnügen winkte, ein Ausflug zum Beispiel, um Beeren zu pflücken, bat er, zu Hause bleiben zu dürfen. Er wußte, er werde sich zu Hause sehr langweilen. Er wollte so gern mitgehen, aber er wollte vor allem zu Hause bleiben. Ein anderer Wille, stärker als seiner, befahl ihm, zu Hause zu bleiben. Je mehr man auf ihn einredete, desto fester wurde der Widerstand. Kam dann aber jemand, packte ihn scherzhaft beim Kragen und warf ihn auf den Leiterwagen, dann gehorchte er und war froh, daß er von dem unerklärlichen Willen befreit worden. Er gehorchte im allgemeinen gern und wollte niemals sich aufspielen oder befehlen. Er war von Geburt zu sehr Sklave; die Mutter hatte ihre ganze Jugend hindurch gedient und gehorcht und war als Kellnerin höflich gegen alle gewesen.
Eines Sonntags waren sie im Pfarrhaus. Da waren Mädchen. Er mochte sie gern, ihm war aber bange vor ihnen. Die große Kinderschar zog aus, um Erdbeeren zu pflücken. Einer schlug vor, man solle die Beeren zusammen tun und, wenn man nach Haus gekommen, in Zucker mit Löffeln essen. Johan pflückte fleißig und hielt die Übereinkunft, aß nicht eine Beere, sondern lieferte seinen Teil ehrlich ab. Er sah aber andere mogeln. Bei der Heimkehr werden die Beeren von der Tochter des Geistlichen ausgeteilt; die Kinderschar umdrängt das Mädchen und jeder bekommt seinen Löffel voll. Johan steht hinten; wird vergessen und bekommt keine Beere.
Übergangen! Mit Bitterkeit im Herzen geht er in den Garten hinaus und versteckt sich in einer Laube. Er fühlt sich als der Letzte, der Schlechteste. Jetzt aber weint er nicht, sondern fühlt etwas Hartes und Kaltes in sich aufsteigen, gleich einem Gerippe aus Stahl. Er beginnt die ganze Gesellschaft zu kritisieren und findet, daß er der Redlichste war, denn er hat draußen auf der Lichtung nicht eine Beere gegessen. Also — da kam der Fehlschluß — weil er besser als die anderen war, wurde er übergangen. Ergebnis: er hielt sich für besser als die anderen. Und es war ihm ein großer Genuß, daß er übergangen worden.
Er hatte auch eine Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen und sich abseits zu halten, so daß er übergangen wurde. Einmal brachte der Vater einen Pfirsich mit zum Abendtisch. Alle Kinder erhielten eine Scheibe von der seltenen Frucht, aber aus irgendeinem Grunde wurde Johan vergessen, ohne daß der sonst gerechte Vater es merkte. Der Knabe war so stolz darauf, daß er von neuem an sein hartes Schicksal erinnert worden, daß er später am Abend den Brüdern gegenüber damit prahlen mußte. Sie glaubten ihm nicht, für so unerhört fanden sie die Geschichte. Je unerhörter, desto besser!
Auch von Abneigungen wurde er gequält. Eines Sonntags kam ein Wagen voll Kinder auf den Küsterhof gefahren. Heraus stieg ein schwarzhaariger Knabe von tückischem, aber kühnem Aussehen. Johan lief bei seinem Anblick fort und versteckte sich auf dem Boden. Man suchte ihn auf, der Küster suchte ihn zu begütigen, aber er blieb in seinem Winkel sitzen und hörte zu, wie die Kinder spielten, bis der schwarze Junge wieder abfuhr.
Weder kalte Bäder, wilde Spiele, noch strenge Körperarbeit konnten seine schlaffen Nerven abhärten, die zuweilen einen Augenblick lang aufs äußerste gespannt werden konnten.
Er hatte ein gutes Gedächtnis, lernte ordentlich, am liebsten Wirklichkeiten wie Geographie und Naturwissenschaft. Arithmetik nahm er mit dem Gedächtnis auf, aber Geometrie haßte er. Eine Wissenschaft von Unwirklichkeiten beunruhigte ihn; erst später, als er ein Handbuch der Feldmessung erhielt und den praktischen Nutzen der Geometrie einsah, bekam er Lust zu dem Stoff: er maß Bäume und Häuser, schritt Gärten und Alleen ab, konstruierte Figuren aus Pappe.