Er war jetzt in seinem zehnten Jahr. War breitschulterig und braungebrannt; das Haar war blond und über einer krankhaft hohen und hervortretenden Stirn in die Höhe gekämmt. Diese Stirn veranlaßte die Verwandten zu manchem Gerede und zog ihm den Spitznamen „Professor‟ zu.

Er war nicht mehr Automat, sondern sammelte eigne Beobachtungen und zog Schlußfolgerungen; darum näherte er sich dem Zeitpunkt, da er sich von seiner Umgebung absondern und einsam werden mußte. Aber die Einsamkeit mußte für ihn eine Wüstenwanderung werden, denn er besaß keine genügend starke Persönlichkeit, um für sich gehen zu können. Seine Neigung für die Menschen blieb unbeantwortet, weil ihre Gedanken nicht mit den seinen gleichen Schritt hielten. Später mußte er sein Herz dem ersten besten anbieten, aber niemand wollte es annehmen, denn es war ihnen fremd; so mußte er sich in sich selber zurückziehen, verletzt, gedemütigt, übersehen, übergangen.


Der Sommer ging zu Ende und er fuhr nach Hause, da die Schule wieder begann. Doppelt traurig kam ihm jetzt das dunkle Haus am Klarakirchhof vor. Wenn er die lange Reihe von Zimmern sah, die in genau bestimmten Jahren durchlaufen werden mußten, ehe eine neue Reihe von Zimmern auf dem Gymnasium begann, fand er das Leben nicht gerade verlockend.

Gleichzeitig beginnt sich sein Selbstdenken gegen die Aufgaben zu empören. Die Folge werden schlechte Zeugnisse.

Ein Halbjahr später, nachdem er in der Rangordnung heruntergekommen, nimmt der Vater ihn aus der Klaraschule und bringt ihn in die Jakobischule. Zur selben Zeit bricht die Familie von der Nordzollstraße auf und zieht nach der Großen Graubergstraße beim Sabbatsberg.


4.
Berührung mit der unteren Klasse.

Christinenberg, so wollen wir das Vororthaus nennen, lag noch einsamer als das an der Nordzollstraße. Die Graubergstraße war nicht gepflastert. Stundenlang konnte man höchstens einen einsamen Wanderer sehen, und Wagenlärm war ein solches Ereignis, daß man ans Fenster gelockt wurde, um nachzusehen, was es gab. Das Haus lag in einem mit Bäumen bewachsenen Hofe und glich einer Pfarre auf dem Lande. War von Gärten und großen Tabakspflanzungen umgeben. Weite Felder mit Teichen erstreckten sich bis zum Sabbatsberg. Jetzt aber pachtete der Vater kein Land; die freie Zeit verging darum in Faulenzen. Die Spielkameraden waren jetzt armer Leute Kinder, die Jungen des Müllers und des Kuhhirten. Die Spielplätze waren besonders die Mühlenberge, und die Windmühlenflügel waren die Spielsachen.