Die Jakobischule war die Schule der armen Kinder. Hier kam er in Verkehr mit der unteren Klasse. Die Schulkameraden waren schlechter gekleidet, hatten wunde Nasen und häßliche Züge, rochen übel. Seine eigenen Lederhosen und Schmierstiefel machten hier keine schlechte Wirkung. Er fühlte sich ruhiger in dieser Umgebung, da sie ihm anstand; wurde vertraulicher zu diesen Kindern als zu den hochmütigen in der Klaraschule.

Aber viele von diesen Kindern waren groß im Lernen ihrer Aufgaben, und das Genie der Schule war ein Bauernjunge. Dagegen waren viele sogenannte „Strolche‟ in den unteren Klassen, und diese hörten gewöhnlich in der zweiten auf. Johan ging jetzt in die dritte Klasse und kam mit ihnen nicht in Berührung, und sie rührten niemals einen in einer höheren Klasse an.

STRINDBERGS ELTERNHAUS
bei der Klarakirche zu Stockholm

Diese Kinder hatten gleichzeitig irgendein Gewerbe, hatten schwarze Hände, waren recht alt, bis zu vierzehn, fünfzehn Jahren. Viele von ihnen segelten im Sommer mit der Brigg Carl Johan und erschienen dann im Herbst in teerigen Leinwandhosen, mit Schmachtriemen und Messer. Sie schlugen sich mit Schornsteinfegern und Tabaksbindern, tranken einen Appetitschnaps in der Frühstückspause, besuchten Kneipen und Cafés. Unaufhörlichen Untersuchungen und Ausweisungen waren diese Knaben ausgesetzt und galten allgemein, aber sehr mit Unrecht, für schlechte Kinder. Viele von ihnen sind seitdem tüchtige Bürger geworden, und einer, der auf Carl Johan (der Strolchbrigg) gesegelt hat, endete später als Offizier bei der Garde. Er hat niemals von seiner Segelfahrt zu sprechen gewagt; wenn er aber die Wachtparade am Hafen vorbeiführt und die berüchtigte Brigg dort liegen sieht, überläuft ihn ein Schauder, sagt er.

Eines Tages traf Johan einen früheren Kameraden von der Klaraschule. Er suchte ihm auszuweichen. Der aber geht auf Johan zu und fragt ihn, in welche Schule er jetzt gehe.

— So, du gehst in die Strolchschule, sagte der Kamerad.

Johan fühlte, daß er „heruntergekommen‟ war, aber er hatte es selbst gewünscht. Er stach durchaus nicht von den Kameraden ab, sondern fühlte sich bei ihnen zu Hause, mit ihnen verwandt; er gedieh hier besser als in der Klaraschule, denn hier drückte nichts von oben. Er wollte selber nicht in die Höhe steigen und irgendeinen unterdrücken, sondern er litt unter Druck von oben. Er wollte nicht hinauf, sondern hatte den Wunsch, daß es dort oben überhaupt niemand gebe. Aber es wurmte ihn doch, daß die alten Kameraden glaubten, er sei heruntergekommen. Und als er beim Schauturnen in die dunkle Schar der Jakobiner kam und den lichten Rotten der Klaristen mit ihren feinen Sommeranzügen und hellen Gesichtern gegenüberstand, da sah er den Klassenunterschied; fiel dann das Wort „Strolche‟ vom anderen Lager, dann war Krieg in der Luft. Zuweilen schlugen die beiden Schulen sich, aber Johan ging nie mit, Er wollte die alten Freunde nicht sehen und seine Erniedrigung nicht zeigen.

Der Prüfungstag bot in Jakob einen anderen Anblick als in Klara. Handwerker, dürftig gekleidete Mütter, herausgeputzte Speisewirtinnen, Fuhrleute, Schenkwirte bildeten die Zuschauer. Und die Rede, die der Schulvorsteher vor der Versammlung hielt, war etwas anderes als die heitere Blumenrede des Erzbischofs. Er las die Namen der Faulen (oder fürs Lernen schwach Begabten); schalt Eltern, weil ihre Kinder zu spät gekommen oder ausgeblieben waren. Der Saal hallte wider vom Weinen armer Mütter, die vielleicht diese leichterklärlichen Versäumnisse nicht verschuldet hatten. Jetzt glaubten sie in ihrer Einfalt, schlechte Söhne zu haben.