Dann kamen die Prämien. Es waren immer die Söhne wohlhabender Bürger, die sich ganz ihren Aufgaben hatten widmen können, die jetzt als Musterschüler begrüßt wurden.

Die Moral, die doch die Lehre von Pflichten und Rechten sein sollte, schließlich aber eine Lehre von den Pflichten unseres Nächsten gegen uns geworden ist, trat nur als eine große Gesetzsammlung von Pflichten auf. Noch hatte das Kind nicht von einem einzigen menschlichen Recht sprechen hören. Alles erhielt es aus Gnade: lebte aus Gnade, aß aus Gnade, durfte aus Gnade die Schule besuchen. Hier in der Schule der Armen verlangte man noch mehr von den Kindern: man verlangte von den Armen, daß sie heile Kleider hatten. Wo sollten sie die hernehmen? Man tadelte ihre Hände, weil sie durch Berührung von Teer und Pech schwarz geworden waren. Man verlangte Aufmerksamkeit, feines Benehmen, Höflichkeit — also alles, was man nicht verlangen konnte. Der Schönheitssinn des Lehrers verführte ihn oft zu Ungerechtigkeiten.

Johan hatte einen Nebenmann, der nie gekämmt war, eine Wunde unter der Nase hatte, aus dessen Ohren ein übelriechender Fluß kam. Seine Hände waren unrein, seine Kleider fleckig und zerrissen. Selten konnte er seine Aufgaben, wurde immer getadelt und kriegte Schläge auf die Handfläche. Eines Tages wurde er von einem Kameraden beschuldigt, Ungeziefer in die Klasse verschleppt zu haben. Da wurde ihm ein besonderer Platz angewiesen; er war ausgestoßen. Er weinte bitter, o wie bitter. Dann blieb er aus. Johan wurde als derzeitiger Klassenkustos ausgeschickt, um ihn zu suchen. In der Totengräbergasse wohnte er. In einem Zimmer wohnte die Malerfamilie mit Großmutter und vielen kleinen Kindern. Georg, so hieß der Junge, hatte eine kleine Schwester auf dem Schoß, die verzweifelnd schrie. Die Großmutter hatte ein anderes Kind in ihren Armen. Vater und Mutter waren auf Arbeit gegangen, jeder an seine Stelle. In diesem Zimmer, das niemand aufräumte und das nicht aufgeräumt werden konnte, roch es nach den Schwefeldämpfen des Koks und dem Unrat der Kinderchen; hier wurden Kleider getrocknet, Essen bereitet, Ölfarbe gerieben, Kitt geknetet.

Hier lagen alle Motive zu Georgs Immoralität klar zutage. Aber, wendet immer ein Moralist ein, man ist nie so arm, daß man sich nicht heil und rein halten kann. Wie einfältig! Als ob Nähen (wenn man etwas Heiles zu nähen hat), Seife, Wäsche, Zeit nichts kosten! Heile Kleider haben, rein sein, sich satt essen können, ist wohl das Höchste, das der Arme erreichen zu können glaubt. Georg konnte es nicht und deshalb wurde er ausgestoßen.

Neuere Moralisten haben die Entdeckung zu machen geglaubt, daß die Unterklasse unmoralischer ist als die Oberklasse. Unter unmoralisch verstand man dieses Mal, daß sie soziale Verträge nicht so gut hält wie die Oberklasse. Das ist ein Irrtum, wenn nichts Schlimmeres. In allen Fällen, in denen die Unterklasse nicht von Not gezwungen wird, ist sie pflichttreuer als die Oberklasse. Sie ist auch barmherziger gegen ihresgleichen, milder gegen die Kinder, vor allem geduldiger. Wie lange hat sie nicht geduldet, daß ihre Arbeit von der Oberklasse benutzt wird, bis sie schließlich ungeduldig geworden ist!

Übrigens hat man immer die Moralgesetze so schwebend wie möglich halten wollen. Warum werden sie nicht in Schrift und Druck festgelegt wie das göttliche und das bürgerliche Gesetz? Vielleicht weil ein ehrlich geschriebenes Moralgesetz auch die Rechte des Menschen aufnehmen müßte.


Johan begann sich jetzt gegen die Aufgaben zu empören. Zu Hause las er alles Mögliche, aber die Aufgaben machte er nachlässig. Die vornehmsten Lehrfächer der Schule waren jetzt Latein und Griechisch. Die Methode des Unterrichts war sinnlos. Ein halbes Jahr brauchte man, um einen Feldherrn im Nepos zu übersetzen. Der Lehrer hatte eine Art, die Sache verwickelt zu machen; die bestand darin, daß der Schüler „die Konstruktionsordnung herausnehmen‟ sollte. Aber er erklärte nie, was das zu bedeuten hatte. Es bestand nämlich darin, daß man die Worte des Textes in einer gewissen Ordnung vorlas; aber in welcher, das sagte er nie. Mit der Übersetzung fiel sie nicht zusammen. Als der Knabe einige Versuche gemacht hatte, den Zusammenhang zu begreifen, aber nicht zur Klarheit kommen konnte, schwieg er. Er wurde halsstarrig, und als er zum Übersetzen aufgerufen wurde, schwieg er, obwohl er die Aufgabe konnte. Denn sobald er anfing, hagelte es Tadel: über den Tonfall der Worte, das Tempo, die Stimme.

— Kannst du nicht? Verstehst du nicht? rief der Lehrer außer sich.

Der Knabe schwieg und blickte den Pedanten verächtlich an.