Wenn die Brüder ihn mit Absicht in seiner Lektüre störten, konnte er auffahren und sie mit Schlägen bedrohen. Dann sagte man, er sei überstudiert.

Die Verbindung mit den Wirklichkeiten des Lebens löste er auf; lebte ein Scheinleben in fremden Ländern, in seinen Gedanken; war unzufrieden mit dem grauen einförmigen täglichen Dasein; mit seiner Umgebung, die ihm immer fremder wurde. Aber der Vater wollte nicht, daß er sich in seinen Phantasien verlor, deshalb gab er ihm kleine Aufträge, ließ ihn Zeitungen holen, schickte ihn zur Post. Johan hielt das für Eingriffe in seine persönlichen Rechte und tat es immer mit Mißvergnügen.

Es wird jetzt soviel über die Wahrheit und über „die Wahrheit sagen‟ gesprochen, als wäre das eine schwere Sache, die Lob verdiene. Wenn man vom Lob absieht, so ist es nicht ganz ohne, daß es schwierig ist, zu erfahren, wie sich etwas in Wirklichkeit verhält; denn das bedeutet ja die Wahrheit. Ein Mensch ist nicht immer der, für den sein Ruf ihn ausgibt; ja, eine ganze öffentliche Meinung kann falsch sein; hinter jedem Gedanken lauert eine Leidenschaft, jedes Urteil ist von einer Neigung gefärbt. Aber die Kunst, Sachverhalt von Neigung zu trennen, ist grenzenlos schwer; so konnten sechs Berichterstatter zu gleicher Zeit sechs verschiedene Farben auf dem Krönungsrock des Kaisers sehen. Neue Gedanken werden von unsern automatischen Gehirnen nicht gern angenommen; ältere Leute glauben nur an sich selbst; Ungebildete bilden sich ein, daß sie doch ihren eigenen Augen glauben können, obwohl es soviel Gesichtstäuschungen gibt.

In Johans Häuslichkeit wurde die Wahrheit verehrt.

— Sprich immer die Wahrheit, was auch geschehen möge, wiederholte der Vater oft; dann erzählte er eine Geschichte von sich selber. Er hatte einmal einem Kunden versprochen, eine Ware an einem bestimmten Tage abzusenden. Er vergißt es, kann sich aber entschuldigen; denn als der wütende Kunde aufs Kontor kommt und ihn mit Schimpfworten überschüttet, antwortet der Vater damit, daß er demütig seine Vergeßlichkeit eingesteht, um Verzeihung bittet und sich bereit erklärt, den Verlust zu ersetzen. Moral: Der Kunde ist höchst erstaunt, reicht ihm die Hand, bezeugt seine Achtung. (Nebenbei: Kaufleute müssen nicht so hohe Forderungen an einander stellen!)

Der Vater hatte einen guten Kopf und als älterer Mann war er seiner Schlußfolgerungen sicher.

Johan, der niemals beschäftigungslos sein konnte, hatte eine Entdeckung gemacht: daß man sich den langen Weg nach und von der Schule vertreiben und zugleich reicher werden konnte. Er hatte einmal auf der trottoirlosen Holländerstraße eine Schraubenmutter gefunden. Die gefiel ihm, denn sie konnte an einer Schnur ein guter Schleuderstein werden. So ging er mitten auf der Straße und nahm alles Eisen auf, das er fand. Da die Straßen schlecht waren und übermütiges Fahren nicht verboten war, wurden die Wagen und Geräte sehr mißhandelt. Ein aufmerksamer Wanderer konnte sicher sein, jeden Tag einige Hufnägel, einen Bolzen und mindestens eine Schraubenmutter zu finden, manchmal auch ein Hufeisen. Johan liebte am meisten die Schraubenmuttern; die machte er zu seiner Spezialität. In wenigen Monaten hatte er wohl eine halbe Metze gesammelt.

Eines Abends spielt er damit, als der Vater ins Zimmer kommt.

— Was hast du da? fragt der Vater und macht große Augen.