Indessen hatte diese Berührung mit den ärmeren Klassen bei Johan einen deutlichen Unwillen gegen die höheren erzeugt. In der Jakobischule herrschte ein demokratischer Geist: die Gleichalterigen fühlten sich immer auf gleicher Höhe mit einander. Keiner entzog sich des andern Gesellschaft aus andern Gründen als persönlicher Abneigung. In Klara gab es Kastenunterschied und Geburtsunterschied. In Jakob hätte Vermögen eine Aristokratie bilden können, aber es gab keine Vermögenden. Und die ganz Armen wurden von den Kameraden mit Teilnahme behandelt, ohne Herablassung, wenn auch der dekorierte Schulvorsteher und die akademisch gebildeten Lehrer Widerwillen gegen die Elenden zeigten.
Johan fühlte sich mit den Kameraden solidarisch und verwandt, war ihnen wohlgesinnt, empfand aber Scheu vor den Höheren. So wich er den großen Straßen aus. Ging immer die traurige Holländerstraße oder die arme Badestubenstraße.
Aber die Kameraden lehrten ihn die Bauern geringschätzen, die hier ihre Quartiere hatten. Das war Städteraristokratismus, den auch das unbedeutendste Stadtkind, wie arm es sein mag, eingesogen hat. Diese eckigen Figuren in grauen Röcken, die auf Milchkarren und Heufuhren saßen, wurden als lächerliche Menschen behandelt, untergeordnete Wesen, die man ungestraft mit Schneebällen bewerfen konnte. Sich an deren Schlitten anhängen, galt für ein selbstverständliches Vorrecht. Sie anschreien, das Wagenrad drehe sich rund, und sie dazu bringen, sich das Wunder anzusehen, war ein ständiger Witz.
Aber wie sollten Kinder, die nichts anderes sahen als eine Gesellschaft, in der das Schwerste unten lag und das Leichteste oben schwamm, umhin können, das, was unten lag, für schlechter zu halten? Aristokraten sind wir alle. Das ist allerdings zum Teil wahr, aber es ist dafür nicht gut, und wir müßten aufhören es zu sein. Die Unterklasse ist indessen in Wirklichkeit demokratischer als die Oberklasse: sie will nicht höher steigen, sondern nur auf ein Niveau kommen. Am liebsten möchte die Unterklasse das Gleichgewicht dadurch erreichen, daß sie das Niveau herabsetzt; dann braucht sie sich nicht bis zur Verzweiflung anzustrengen, um sich zu „erheben‟. Es gibt Aristokraten mit dem Namen Demokraten, die sich zu erheben suchen, um Druck ausüben zu können, aber sie sind bald durchschaut. Ein wahrer Demokrat möchte lieber das unberechtigt Erhöhte herabsetzen als sich „erheben‟. Man sagt von ihm, er wolle einen auf seinen niedrigen Standpunkt herabziehen. Der Ausdruck ist korrekt, hat aber eine falsche, häßliche Bedeutung erhalten.
Die Gesellschaft gehorcht dem Gesetz des Archimedes vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten in zusammenhängenden Röhren. Beide Flächen streben danach, in die gleiche Lage zu kommen. Aber Gleichgewicht kann nur dadurch eintreten, daß die höhere Fläche sinkt; dadurch wird gleichzeitig die niedrige erhöht. Dahin strebt die Arbeit der modernen Gesellschaft. Und es kommt dahin! Sicher! Und dann wird es ruhig.
Da er jetzt keine körperliche Arbeit mehr zu Hause tat, wurde sein Leben ausschließlich ein inneres, unwirkliches Gedankenleben. Er las zu Hause alles, was er in die Hände bekam. An den freien Nachmittagen Mittwochs und Sonnabends saß der Elfjährige in Schlafrock und Rauchmütze, die er vom Vater bekommen, eine lange Pfeife im Munde, die Finger in die Ohren gebohrt, vertieft in irgendein Buch, am liebsten ein Indianerbuch. Er hatte bereits fünf verschiedene Robinsonaden gelesen und sich unglaublich an ihnen ergötzt.
Aber in Campes Bearbeitung hatte er, wie alle Kinder, die Moral übersprungen. Warum hassen alle Kinder Moralpredigten? Sind sie unmoralisch von Natur? Ja, antworten die neuen Moralisten, denn sie sind noch Tiere und erkennen den Gesellschaftsvertrag nicht an. Ja, aber die Moral tritt bei den Kindern auch nur mit Pflichten und keinen Rechten auf. Die Moral ist darum ungerecht gegen das Kind, und das Kind haßt die Ungerechtigkeit.
Neben der Lektüre hatte er ein Herbarium angelegt, eine Insektensammlung, eine Mineralsammlung; auch las er die Flora von Liljeblad, die er in Vaters Bücherschrank gefunden hatte. Dieses Buch liebte er mehr als die Schulbotanik; darin standen eine Menge kleiner Dinge über den Nutzen der Pflanzen, während das andere Buch nur von Staubfäden und Stempeln sprach.