Jeden Sonntag wurden die Kinder in die Kirche befohlen, in der die Familie einen Kirchenstuhl besaß. Der sinnlos lange Gottesdienst und die unbegreiflichen Predigten hörten bald auf, Eindruck zu machen. Ehe man Heizung eingeführt hatte, war es eine vollständige Marter, im Winter zwei Stunden im Kirchenstuhl zu sitzen und an den Füßen zu frieren; aber man mußte doch dahin, ob fürs Heil der Seele oder der Ordnung halber oder um das Haus in Ruhe zu lassen, wer weiß. Vater selbst war eine Art Theist. Er las lieber die Predigten von Wallin, als daß er in die Kirche ging. Dafür neigte die Mutter zum Pietismus. Sie lief hinter Olin und Elmblad und Rosenius her und hatte Freundinnen, die den „Pietisten‟ und die „Taubenstimme‟ ins Haus brachten. Die „Taubenstimme‟ wurde von Johan untersucht: sie enthielt lustige Geschichten von den Missionären in China und Beschreibungen von Schiffbrüchen. Den „Pietisten‟ ließ er liegen: das war nur Dekokt von den Episteln des Neuen Testaments.
Eines Sonntags bekommt Johan, vielleicht infolge einer unvorsichtigen Bibelerklärung in der Schule, indem dort von der Freiheit der Geister gesprochen wird, den Einfall, nicht in die Kirche zu gehen. Er bleibt ganz einfach zu Hause. Mittags, ehe der Vater nach Hause kommt, erklärt Johan vor Geschwistern und Tanten, niemand könne das Gewissen eines andern zwingen; darum ginge er nicht in die Kirche. Er wurde für etwas sonderbar gehalten: darum entkam er dieses Mal der Schläge; wurde aber wieder in die Kirche geschickt.
Der Verkehr der Familie konnte außerhalb der Verwandtschaft nicht groß sein, weil die Ehe nicht nach Gesetz und Regel geschlossen worden. Aber Leidensgenossen suchen sich gegenseitig auf: so wurde der Verkehr mit einem der Jugendfreunde des Vaters unterhalten, der seine Geliebte geheiratet und deshalb von Eltern und Kameraden verstoßen worden war. Er war Jurist und Beamter. Bei ihm war eine dritte Familie zu treffen, auch aus dem Beamtenstand, mit demselben Eheschicksal. Die Kinder wußten natürlich nichts von dem Trauerspiel, das hier aufgeführt wurde. Alle Familien hatten Kinder, aber Johan fühlte sich nicht zu ihnen hingezogen. Seine Schüchternheit und Menschenfurcht hatte nach den Martergeschichten in Haus und Schule zugenommen; auch hatten die Übersiedlung nach der entlegenen Stadtgegend wie die Sommeraufenthalte auf dem Lande ihn verwildert. Er wollte nicht tanzen lernen; er fand die Knaben albern, die sich so vor den Mädchen brüsteten. Als die Mutter ihn bei einer Gelegenheit ermahnte, höflich gegen die Mädchen zu sein, fragte er: warum denn? Er war jetzt recht kritisch geworden und wollte immer wissen: warum?
Als man einst einen Ausflug ins Grüne machte, suchte er die Knaben zur Meuterei zu bewegen, da sie die Schals und Sonnenschirme der Mädchen trugen.
— Warum sollen wir diese jungen Dinger bedienen? sagte er; aber die Knaben hörten nicht auf ihn.
Schließlich wurde er es so müde, mitzugehen, daß er sich krank stellte oder seinen Anzug im Teich naßmachte, damit er aus Strafe zu Hause bleiben mußte. Er war kein Kind mehr; darum war ihm nicht wohl unter den andern Kindern; aber die Älteren sahen in ihm nur ein Kind. So wurde er einsam.
Im Alter von zwölf Jahren wurde er eines Sommers nach einem neuen Küsterhaus in der Nähe von Mariefred am Mälarsee geschickt. Da waren viele Pensionäre, alle von sogenannter unehelicher Geburt. Da der Küster keine größeren Kenntnisse besaß, reichte sein Wissen nicht aus, Johans Aufgaben mit ihm durchzunehmen. Beim ersten Versuch in Geometrie fand der Lehrer Johan so bewandert, daß er am besten allein weiter arbeite. Da war er hoch! Er arbeitete allein weiter.
Der Küsterhof lag neben dem Park des Herrensitzes, und in dessen königlichen Umgebungen ging er spazieren, frei von Arbeit, frei von Aufsicht. Die Flügel wuchsen ihm und die Mannbarkeit näherte sich.