Durch erworbenes und vielleicht natürliches Schamgefühl hat man so lange die wichtige Frage der Mannbarkeit und der damit zusammenhängenden Erscheinungen verborgen gehalten. Schlechte Bücher von medizinischen Spekulanten und von Pietisten, die um jeden Preis Propaganda machen wollen; furchtsame oder unwissende Eltern haben, manche in guter Absicht, alles getan, um junge Sünder vom Weg der Untugend zu scheuchen. Spätere und aufgeklärtere Untersuchungen kenntnisreicher Ärzte haben sich wieder die Aufgabe gestellt, die Ursachen der Erscheinung zu suchen und vernünftige Heilmittel zu finden. Vor allem aber das Kind von der übertriebenen Furcht vor den Folgen zu befreien, weil es sich gezeigt hat, daß gerade Schreck und Gewissensqual die Ursache waren zu den verhältnismäßig wenigen Fällen von Wahnsinn und Selbstmord, die vorgekommen sind. Ferner hat man entdeckt, daß nicht das Laster selbst, sondern der unbefriedigte Trieb die krankhafte Erscheinung hervorruft. Ein neuer französischer Arzt ist so weit gegangen, die Handlung zu verteidigen, da sie der Natur nachhelfe, ohne Schaden zu tun. Das sei dahingestellt.
Tatsache ist indessen, daß gerade die Geisteskranken mit dieser schlechten Gewohnheit behaftet sind. Aber der Fehlschluß liegt darin, daß man Ursache und Wirkung verwechselt. Geisteskranke werden eingeschlossen: was sollen sie denn da machen? Bei Geisteskranken hat mit dem Erlöschen des Seelenlebens das vegetative und animalische Leben überhand genommen; darum sucht sich der Trieb, wie er kann, seine Befriedigung, ohne daran gehindert zu werden. Ein zweiter Fehlschluß: jeder Geisteskranke wird ausgeforscht, ob er schon einmal Hand an seinen Körper gelegt hat. Alle Geisteskranken haben es. Doch deshalb ist das noch nicht die Ursache der Krankheit; denn man weiß jetzt, daß viele Menschen einmal Hand an ihren Leib gelegt haben. Das wird aber geheim gehalten. Deshalb glauben eine Menge junger Sünder, allein das eingebildete Verbrechen zu begehen; glauben, daß die gestrengen Lehrer, die sie einschüchtern, unschuldig gelebt haben.
Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Übertreibung Krankheiten zur Folge haben kann; dann ist es aber die Übertreibung, die sie verursacht hat. Und wird die schlechte Gewohnheit so lange fortgesetzt, daß die natürliche Art nicht zu ihrem Recht kommt, so entstehen eben dadurch Übelstände. Daß Widerwille gegen das andere Geschlecht die Folge werden soll, ist nicht wahr; denn lasterhafte Burschen sind später große Weiberhelden, gute Gatten, glückliche Väter geworden. Eigentümlich ist auch, daß die Frauen Unschuldigen nicht ihre Gunst gewähren.
Wie war es denn zugegangen? Auf die gewöhnlichste Art. Ein älterer Kamerad ging beim Baden mit dem Beispiel voran, und die jüngeren folgten. Ein Gefühl von Scham oder Sünde verspürte man nicht, und niemand machte ein Geheimnis daraus. (Diese in den Schulen oft vorkommende Unart hatte gerade zu dieser Zeit Aufsehen erregt, Untersuchungen zur Folge gehabt und war sogar öffentlich in der Presse besprochen worden. Man vergleiche unten Kapitel 8.) Die ganze Sache schien kaum einen Zusammenhang mit dem höheren Geschlechtsleben zu haben; denn in ein Mädchen war der Junge schon im Alter von acht Jahren verliebt gewesen, als der Trieb noch vollständig schlief.
Gleichzeitig bekam Johan Kenntnis davon, daß die Schulkinder des Dorfes im Walde mit einander zu verkehren pflegten, wenn sie aus der Schule kamen. Diese Kinder waren acht bis neun Jahre alt. Die Eltern bekamen Wind von der Sache, mischten sich aber nicht hinein. Dieser Zustand oder Übelstand soll eine Regel auf dem Lande sein; er müßte in Betracht gezogen werden, wenn man so übersicher über Laster und Anstiftung zum Laster schreibt.
Einen Wendepunkt im Seelenleben des Knaben bildete dieses Ereignis nicht; denn zum Grübler war er geboren, und zum Einsiedler machten ihn seine neuen Gedanken. Übrigens legte er das Laster bald ab, als ihm ein warnendes Buch in die Hand fiel. Da aber trat an die Stelle des Lasters ein Kampf gegen die Begierde, die er nicht besiegen konnte, weil sie ihn in der Form von Gaukelbildern während des Schlafs überfiel, wenn seine Kraft nicht zugegen war. Und nicht eher konnte er ruhigen Schlaf genießen, bis er im Alter von achtzehn Jahren den Verkehr mit dem andern Geschlecht begann.
Später im Sommer verliebte er sich in die Tochter des Inspektors, eine Zwangzigjährige, die nicht im Küsterhause verkehrte. Er kam nicht dazu, mit ihr zu sprechen; spähte aber ihre Wege aus und kam oft in die Nähe ihrer Wohnung. Das Ganze war eine stille Verehrung ihrer Schönheit, aus der Entfernung, ohne irgendwelche Begierde, ohne irgendeine Hoffnung. Die Neigung glich eher einer stillen Trauer und hätte sich vielleicht ebensogut auf eine andere gerichtet, wenn er mehrere Mädchen gekannt hätte. Es war eine Madonnenverehrung, die nichts begehrte; es müßte denn sein, ein großes Opfer zu bringen: am liebsten ein Ertrinken im See, aber in ihrer Gegenwart. Es war ein dunkles Gefühl davon, daß er nur ein halber Mensch sei, der nicht leben wollte, ohne sich durch die andere, „bessere‟, Hälfte ergänzt zu haben.