Der Kirchendienst wurde fortgesetzt, machte jetzt aber keinen besonderen Eindruck mehr. War nur langweilig.

Dieser Sommer war indessen sehr wichtig in seiner Entwicklung, weil er ihn vom Elternhaus löste. Keiner von den Brüdern war dabei. Keine Nabelschnur verband ihn mehr mit der Mutter. Das machte ihn reifer und härtete die Nerven ab; allerdings nicht sofort, denn gelegentlich, wenn er nicht froh war, packte ihn das Heimweh furchtbar. Dann erschien ihm die Mutter in dem alten verklärten Licht: huldvoll und beschützend, als Wärmequelle, als fürsorgliche Hand.

Anfang August kam ein Brief mit der Nachricht, der ältere Bruder Gustav werde nach Paris fahren, um dort in einem Pensionat die Sprache zu lernen und sich kaufmännisch auszubilden; vorher solle er einen Monat auf dem Lande zubringen und dort den Bruder ablösen. Der Gedanke an die nahende Trennung, der Glanz der großen Weltstadt, die Erinnerung an manche lustige Streiche, die Sehnsucht nach dem Elternhause, die Freude, einen seines Blutes wiederzusehen: alles vereinigte sich jetzt, um Johans Gefühle und Phantasie in Bewegung zu setzen. Während der Woche, in der er den Bruder erwartete, dichtete er ihn um zu einem Freunde, einem überlegenen Manne, zu dem er aufsah. Und Gustav war ihm als Mensch überlegen. Er war ein kühner frischer Jüngling, zwei Jahre älter als Johan, mit dunkeln, starken Zügen; grübelte nicht, sondern besaß ein tatkräftiges Temperament; war klug, konnte schweigen, wenn's nötig war; zuschlagen, wenn's darauf ankam; verstand zu wirtschaften und zu sparen. Er ist zu klug, meinte der träumende Johan. Die Aufgaben konnte er nicht, denn er schätzte sie gering, aber er verstand die Kunst des Lebens: fiel ab, wenn's nötig war; schritt ein, wenn's sein mußte; war niemals traurig.

Johan hatte ein Bedürfnis, jemanden zu verehren; in einem andern Stoff, als sein eigner schwacher Ton war, ein Bildwerk zu kneten, in das er seine schönen Wünsche legen konnte. Acht Tage lang übte er diese Kunst. Er traf Vorbereitungen zur Ankunft des Bruders, indem er ihn allen seinen Freunden aufs vorteilhafteste ausmalte, ihn dem Lehrer empfahl, Spielplätze mit kleinen Überraschungen aussuchte, bei der Badestelle ein Sprungbrett anbrachte...

Am Tage vor der Ankunft ging er in den Wald und pflückte Multbeeren und Blaubeeren, mit denen er den Gast erfreuen wollte. Darauf deckte er einen Tisch mit weißen Papierbogen. Auf die legte er die Beeren, immer eine gelbe und eine blaue, und in der Mitte ordnete er sie in Form eines großen G. Das Ganze wurde mit Blumen umgeben.

Der Bruder kam; warf einen flüchtigen Blick auf die Anordnung, aß, nahm aber nicht Notiz von der Feinheit mit dem Namenszug; vielleicht fand er es albern. In der Familie galten nämlich alle Ausbrüche von Gefühl für albern.

Darauf badete man. Als Gustav das Hemd ausgezogen hatte, lag er im nächsten Augenblick im Wasser und schwamm, ohne anzuhalten, nach der Boje hinaus. Johan bewunderte ihn, wäre ihm gern gefolgt; dieses Mal aber fand er es netter, der Schlechtere zu sein und dem Bruder den Glanz zu lassen. Er war der erste Junge, der bis zur Boje geschwommen war.

Beim Mittagstisch ließ Gustav ein fettes Schinkenstück auf dem Teller liegen. Das hatte noch niemand gewagt. Gustav wagte alles. Als man am Abend läutete, bot Johan die Leine Gustav an. Der läutete mindestens zehn Male. Johan kriegte einen Schrecken, als seien die Schicksale des ganzen Kirchspiels in Gefahr; bald lachte er, bald flehte er, doch aufzuhören.

— Ach was, das hat nichts zu bedeuten! sagte Gustav.

Dann lud Johan ihn zu seinem Freunde ein, dem erwachsenen Sohn des Tischlers, der vielleicht fünfzehn Jahre alt war. Sofort entstand Vertraulichkeit zwischen den Gleichalterigen: der Freund verließ Johan, der ihm zu klein war. Aber Johan empfand keine Bitterkeit, obwohl die beiden Großen ihn hänselten und allein Jagdausflüge mit der Flinte unternahmen.