Eines Nachts erwachte er und sah die Brüder um ein Licht sitzen. Sie sprachen davon. Er kroch unter die Decke, steckte die Finger in die Ohren, um nicht zu hören. Aber er hörte doch. Der Bruder erzählte von Pensionen in Paris, in denen Jünglinge in ihren Betten gebunden wurden, ohne daß dieses Mittel jedoch half. Er wollte in die Höhe stürzen, ihnen bekennen, um Gnade bitten, um Hilfe flehen, aber er wagte nicht, sein Todesurteil bestätigt zu hören. Wenn er das getan hätte, würde er vielleicht Trost und Hilfe gefunden haben. Aber er schwieg. Er schwitzte und betete zu Jesus, nicht mehr zu Gott. Wohin er auch kam, überall sah er das fürchterliche Wort in schwarzen Frakturbuchstaben auf gelbem Grund, an Hauswänden, auf den Tapeten des Zimmers. Und der Schreibtisch, in dem das Buch lag, enthielt die Guillotine. Jedesmal, wenn sein Bruder an die Schublade ging, zitterte Johan und lief hinaus. Er stand stundenlang vor dem Spiegel und sah nach, ob die Augen eingesunken, das Haar ausgefallen, der Totenschädel hervorgetreten war. Aber er sah gesund und rot aus.

Er wurde verschlossen und still und wich allem Verkehr aus. Der Vater bildete sich ein, Johan wolle zeigen, daß er Vaters neue Ehe mißbillige; Johan sei hochmütig. Jetzt mußte er gebeugt werden. Er war schon gebeugt und als er sich schweigend unter dem neuen Druck beugte, triumphierte der Vater, daß seine Kur gelungen sei.

Das reizte den Jüngling, und zuweilen erhob er sich. Zuweilen kam ihm eine schwache Hoffnung, daß der Körper gerettet werden könne. Er ging in die Turnhalle, wusch sich mit kaltem Wasser, aß wenig zu Abend.

Übrigens, Pietist sein oder Jesus lieben, ist nicht etwas Ganzes; das muß man nicht glauben. Das ist eine Stimmung, die in Augenblicken kommt und geht wie ein Gewitter; das ist eine Art, die Dinge zu sehen; das ist eine Rolle, die man nicht so schnell lernt. Pessimist sein, wenn man jung und stark ist, das geht nicht so leicht; der Jesuismus war nämlich reiner Pessimismus, da er glaubte, die Welt sei durch und durch elend. Die Lebensfreude liegt da, und man sieht viele sogenannte aufrichtige Selbstbetrüger unter den Pietisten, die recht munter sind. Sind sie verheiratet und gesund, müssen sie unbedingt oftmals Augenblicke haben, in denen sie Jesus ganz und gar vergessen. Das sind gerade die Augenblicke, in denen sich die Lebenskraft so vervielfacht, daß sie über den einzelnen hinaus auf die Gattung reicht.

Durch Leben, Schulverkehr, Unterricht war das Ich des Jünglings ein ziemlich reicher Komplex geworden, und wenn er sich mit andern einfacheren Ichs verglich, fand er sich überlegen. Jetzt aber kam Jesus und wollte sein Ich töten. Das ging nicht so leicht, und der Kampf wurde schwer, wild. Er sah auch, wie kein andrer sein Ich verleugnete: warum denn in Jesu Namen sollte er seins verleugnen?

Auf der Hochzeit empörte er sich. Er trat nicht vor, um die Braut zu küssen, wie die andern Geschwister; er zog sich vom Tanz zu den Grog trinkenden alten Herren zurück, bei denen er sich etwas berauschte.

Jetzt sollte die Strafe kommen und sein Selbst niedergebrochen werden.

Er wurde Gymnasiast. Das stimmte ihn nicht heiterer. Es kam zu spät, wie eine Schuld, die längst verfallen war. Diesen Genuß hatte er als Vorschuß vorweggenommen. Niemand gratulierte ihm, und er bekam nicht gleich die Gymnasiastenmütze. Warum nicht? Sollte er geduckt werden? Oder wollte der Vater nicht, daß Johans Wissen noch äußerlich hervorgehoben werde? Schließlich wurde vorgeschlagen, eine Tante solle den Kranz auf den Sammet sticken, der auf eine gewöhnliche schwarze Mütze genäht wurde. Sie stickte einen Eichen- und einen Lorbeerzweig, aber schlecht; er wurde deshalb von den Kameraden geuzt. Er war der einzige, der eine Zeitlang nicht die gewöhnliche Mütze trug. Der einzige! Gezeichnet allein, übergangen allein!

Darauf wurde das Frühstücksgeld, das in der Schule sich auf fünf Pfennige belaufen hatte, auf vier herabgesetzt. Das war eine unnötige Grausamkeit, denn das Haus war nicht arm, und ein Jüngling braucht mehr Essen. Die Folge war, daß Johan nie mehr Frühstück aß, denn das Geld ging für Tabak auf. Er hatte einen furchtbaren Appetit und war immer hungrig. Wenn es Kabeljau zu Mittag gab, aß er sich mit den Kiefern müde, stand aber hungrig vom Tische auf. Kriegte er wirklich zu wenig zu essen? Nein, denn es gibt Millionen Körperarbeiter, die viel weniger bekommen; aber die Magen der höheren Klassen müssen sich an stärkere und bessere Nahrung gewöhnt haben. Ihm blieb deshalb seine ganze Jugend wie ein langes Hungern in der Erinnerung haften.