Der Bruder saß oben auf der Kammer bei der Lampe und las. Johan fragte: Was liest du? Der Bruder zeigte den Titel auf dem Umschlag. Da stand in großen Frakturbuchstaben auf gelbem Umschlag der berüchtigte Titel: „Eines Jugendfreundes Warnung vor dem gefährlichsten Feinde der Jugend.‟
— Hast du das gelesen? fragte Gustav.
Johan antwortete ja und zog sich zurück. Als Gustav mit dem Lesen fertig war, legte er das Buch in seine Schublade und ging hinunter. Johan öffnete die Schublade und nahm die unheimliche Schrift an sich. Die Augen liefen über die Seiten, ohne daß sie es wagten, haften zu bleiben. Die Knie klapperten, das Blut verschwand aus dem Gesicht, die Pulse froren. — Er war also mit fünfundzwanzig Jahren zum Tode oder zum Wahnsinn verurteilt. Sein Rückgrat und sein Gehirn würden schrumpfen, sein Gesicht einem Totenkopf ähnlich werden, sein Haar ausfallen, die Hände zittern — es war entsetzlich. Und das Heilmittel? Jesus! Aber Jesus konnte den Körper nicht heilen, nur die Seele. Der Körper war zum Tode verurteilt — bei fünfundzwanzig Jahren — blieb einem nur übrig, die Seele von ewiger Verdammnis zu retten.
Das war Dr. Kapffs berüchtigte Parteischrift, die so viele Jünglinge ins Irrenhaus gebracht hat, aus dem einzigen Grunde, um die Anzahl der protestantischen Jesuiten zu vermehren. Eine solche Schrift, so tief unsittlich, so schädlich, müßte wahrhaftig verfolgt, beschlagnahmt, verbrannt werden. Oder wenigstens durch aufgeklärte Gegenschriften unschädlich gemacht werden.
Eine solche gab es wirklich. Sie fiel später in Johans Hände, der dann alles tat, um sie zu verbreiten, denn sie war so selten. Sie hieß „Onkel Palles Rat an junge Sünder‟ und sollte von Medizinalrat Wistrand verfaßt sein. Es war ein herzliches Buch, das die Sache unbefangen auffaßte; aufmunternd zu den Knaben sprach; besonders betonte, daß man die Gefahren des Lasters übertrieben habe. Auch gab es praktische Ratschläge und gesundheitliche Anweisungen.
Aber noch heute (1886) herrscht Kapffs unvernünftige Schrift, und Ärzte werden von Sündern überlaufen, die mit klopfenden Herzen das Bekenntnis ablegen. Vor nicht langer Zeit kam ein Student zu einem berühmten Stockholmer Arzte und gestand mit Tränen in den Augen, er habe sein Leben vergeudet und warte nur noch auf den Tod.
— Ach Geschwätz, Herr, antwortet der Arzt. Sehen Sie mich an: niemand hat die Unart so getrieben wie ich.
Der Sünder sah ihn an und fand vor sich einen fünfundvierzigjährigen Herkules, der eine starke, ungestörte Intelligenz besaß.
Johan aber bekam ein ganzes Jahr lang kein Wort des Trostes in seiner schweren Betrübnis zu hören. Er war zum Tode verurteilt; es blieb ihm nur übrig, ein tugendhaftes Leben in Jesu zu leben, bis der Schlag kam. Er holte die alten pietistischen Schriften der Mutter hervor und las über Jesus. Er betete und peinigte sich. Hielt sich allein für einen Verbrecher, demütigte sich. Als er am nächsten Tage durch die Straßen ging, trat er vor jedem Menschen vom Trottoir hinunter. Er wollte sein Selbst töten und in Jesus aufgehen; seine Zeit ausleiden und dann in seines Herrn Freude eingehen.