7.
Erste Liebe.
Wenn der Charakter des Menschen schließlich die Rolle ist, bei der er in der Komödie des sozialen Lebens stehen bleibt, so war Johan in dieser Periode sehr charakterlos; das heißt recht aufrichtig. Er suchte, fand nicht und konnte bei nichts bleiben. Seine brutale Natur, die jedes Geschirr, das man ihm auflegte, abwarf, beugte sich nicht; und sein Gehirn, das zum Empören geboren war, konnte nicht automatisch werden. Er war ein Reflexionsspiegel, der alle Strahlen, die ihn trafen, zurückwarf. Ein Kompendium aller seiner Erfahrungen, aller wechselnder Eindrücke und voller streitender Elemente.
Einen Willen hatte er, der stoßweise arbeitete und dann fanatisch. Gleichzeitig aber wollte er eigentlich nichts; war sanguinisch und hoffte alles. Hart wie Eis im Elternhaus, war er oft gefühlvoll bis zur Empfindsamkeit; konnte in einen Torweg treten und sich die Unterjacke ausziehen, um sie einem Armen zu geben; konnte weinen, wenn er eine Ungerechtigkeit sah. Sein Geschlechtsleben, das sich nach der Entdeckung der Sünde gelegt hatte, brach jetzt in nächtlichen Träumen los, die er dem Teufel zuschrieb; gegen den rief er Jesus als Helfer an. Er war jetzt Pietist. Aufrichtig? So aufrichtig jemand sein konnte, der sich in eine veraltete Weltanschauung einleben wollte. Er war es aus Bedürfnis zu Hause, wo alles seine geistige und körperliche Freiheit bedrohte. In der Schule war er ein heiterer Weltmann, ohne Empfindsamkeit, weich und umgänglich. Dort wurde er für die Gesellschaft erzogen und hatte Rechte. Im Elternhause wurde er wie eine eßbare Pflanze für den Gebrauch der Familie gezogen und hatte keine Rechte. Er war auch Pietist aus geistigem Hochmut wie alle Pietisten. Beskow, der bußfertige Leutnant, war von Christi Grab heimgekehrt, wo er den Richtweg über die theologische Prüfung zum Himmel gefunden hatte. Seine „Reise‟ wurde zu Hause von der Stiefmutter gelesen, die den Pietismus beschnupperte. Beskow brachte den Pietismus in Mode, und dieser Mode folgte jetzt ein großer Teil der Unterklasse. Der Pietismus war damals, was der Spiritismus jetzt (1886) ist: ein wohlfeiles Wissen, eine angeblich höhere Kenntnis verborgener Dinge. Deshalb traten ihm auch alle Frauen und Ungebildeten mit Begier bei; er drang schließlich auch bei Hofe ein....
Kam das von einem allgemeinen geistigen Bedürfnis? War die Zeit so hoffnungslos reaktionär, daß man Pessimist werden mußte? Nein! Der König führte auf Ulriksdal ein munteres Wesen und gab dem gesellschaftlichen Leben einen heiteren, vorurteilsfreien Ton. Frische Ströme brausten im politischen Leben, in dem man jetzt eine Änderung der Volksvertretung vorbereitete. Der deutsch-dänische Krieg machte aufs Ausland aufmerksam; die Blicke richteten sich über die Landesgrenzen hinaus; Bürgerwehr und Schützenbewegung weckten Land und Stadt mit Trommeln und Spiel; die neuen Oppositionsblätter „Dagens Nyheter‟ und der ungestüme „Söndags-Nisse‟ wurden Ventile für eingeschlossenen Dampf, der heraus mußte. An allen Enden wurden Eisenbahnen eröffnet, die Einöden in Verbindung mit den großen motorischen Nervenzentren brachten. Es war durchaus kein dunkler Niedergang; im Gegenteil eine helle, hoffnungsvolle Jugendzeit des Erwachens.
Wo kam der Pietismus denn her? Es war ein wehender Wind; vielleicht auch eine Rettung für die von der Bildung Vernachlässigten vor dem Druck der Gelehrsamkeit. Es lag auch ein demokratisches Element darin, daß eine für hoch und niedrig gemeinsame Weisheit zugänglich war, die alle Gesellschaftsklassen auf ein Niveau brachte. Da der Geburtsadel im Rückgang war, wurde der Bildungsadel um so drückender empfunden. Durch den Pietismus schaffte man den auf einmal ab, glaubte man.
Johan wurde Pietist aus vielen Gründen. Bankerott auf Erden, da er mit fünfundzwanzig Jahren mit eingeschrumpftem Rückgrat und ohne Nase sterben mußte, suchte er den Himmel. Schwermütig von Natur, aber voller Wildheiten, liebte er das Schwermütige. Der Lehrbücher, die nicht lebendiges Wasser gaben, weil sie nichts mit dem Leben zu tun hatten, müde, fand er bessere Nahrung in einer Religion, die unaufhörlich auf das tägliche Leben angewandt werden konnte. Dazu kam noch unmittelbarer, daß die ungelehrte Stiefmutter, die seine Überlegenheit in Bildung fühlte, auf der Jakobsleiter über ihn hinaus zu kommen suchte. Sie sprach oft mit dem ältesten Bruder von den höchsten Dingen; war Johan dann in der Nähe, bekam er zu hören, wie sie seine weltliche Weisheit verachtete. Das reizte ihn und er mußte hinauf zu ihnen; mußte über sie hinauskommen. Ferner hatte die Mutter ein Testament hinterlassen, in dem sie sich gegen geistigen Hochmut aussprach und auf Jesus hinwies. Zuletzt kam die Gewohnheit, im Kirchenstuhl der Familie jeden Sonntag einen pietistischen Geistlichen predigen zu hören. Auch war das Haus überschwemmt mit pietistischen Schriften. Von allen Seiten drang der Pietismus auf ihn ein.
Die Stiefmutter und der älteste Bruder pflegten zusammen zu sitzen und in der Erinnerung eine gute pietistische Predigt durchzugehen, die sie in der Kirche gehört hatten. Eines Sonntags, als der Kirchendienst zu Ende war, machte sich Johan ans Werk und schrieb die ganze bewunderte Predigt auf. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, sie der Stiefmutter zu überreichen. Das Geschenk wurde nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen. Geduckt war sie. Aber sie gab nicht einen Zoll nach.
— Gottes Worte sollen im Herzen geschrieben sein und nicht auf dem Papier, sagte sie.
Das war nicht übel gesagt, aber Johan sah, daß es Hochmut war. Sie glaubte, weiter auf dem Weg der Heiligung gekommen und schon Gottes Kind zu sein.