Sie trafen sich in einem französischen Konversationszirkel und gingen den langen Weg nach Hause zusammen; dabei sprachen sie französisch. Es war leichter, heikle Sachen in einer fremden Sprache zu sagen. Auch fing er an, französische Aufsätze für sie zu schreiben, die sie korrigierte.

Vaters Bewunderung für das alte Mädchen nahm ab, und dieses Französischsprechen war der Stiefmutter unangenehm, weil sie es nicht verstand. Des älteren Bruders Vorrecht auf Französisch war auch damit aufgehoben. Das ärgerte den Vater so, daß er eines Tages zu Johan sagte, es sei unpassend, eine fremde Sprache in Gegenwart von Menschen zu sprechen, die sie nicht verstehen; er begreife nicht, wie Fräulein X., die so gebildet sein solle, sich eine solche Taktlosigkeit erlauben könne. Aber die Bildung des Herzens sei nicht dieselbe wie die Bildung durch Bücher.

Sie wurde im Elternhaus nicht mehr gern gesehen, und man „verfolgte‟ die beiden. Dazu kam, daß die Familie in den benachbarten Hof zog; der Verkehr wurde daher etwas weniger lebhaft.

Am ersten Tage nach dem Umzug war Johan aufgerieben. Er konnte ohne ihre tägliche Gesellschaft nicht leben; er konnte nicht leben ohne ihre Hilfe, die ihn aus seiner Altersklasse herausgehoben und unter die Erwachsenen versetzt hatte. Zu ihr gehen und wie ein lächerlicher Liebhaber sie aufsuchen, nein, das konnte er nicht. Blieb nur übrig, Briefe zu schreiben.

Jetzt beginnt ein Briefwechsel, der ein Jahr dauerte. Die Schwester der Stiefmutter, die das intelligente und fröhliche Mädchen vergötterte, überbrachte heimlich die Briefe. Die Briefe wurden französisch geschrieben, damit sie nicht gelesen werden konnten, wenn sie einmal in falsche Hände fielen. Auch konnte man sich leichter bewegen unter dieser Deckung.

Wovon die Briefe handelten? Von allem. Von Jesus, dem Kampf gegen die Sünde, vom Leben, vom Tode, von Liebe, Freundschaft, Zweifel. Obwohl sie Pietistin war, verkehrte sie mit Freidenkern und litt unter Zweifeln, zweifelte an allem. Johan war bald ihr gestrenger Lehrer, bald ihr bestrafter Sohn.

Lange Auseinandersetzungen und Beweisführungen hatten sie auch über ihr Verhältnis. War es Liebe oder Freundschaft? Aber sie liebte ja einen andern Mann, von dem sie fast nie sprach. Johan betrachtete niemals ihren Körper. Er sah nur ihre Augen, die tief und ausdrucksvoll waren. Es war auch nicht gerade die Mutter, die er verehrte, denn er sehnte sich niemals danach, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen; was er dagegen gern bei andern Frauen getan hätte. Er hatte beinahe ein Entsetzen davor, sie anzurühren; nicht das Entsetzen der verborgenen Begierde, sondern des Ekels. Er tanzte einmal mit ihr, aber tat es nicht wieder. Wenn es draußen windig war und ihr Kleid wurde aufgeweht, sah er fort. Es war wohl Freundschaft, und ihre Seele war so männlich, und ihr Körper auch, daß eine Freundschaft entstehen und dauern konnte.

Geistige Ehen können darum nur zwischen mehr oder weniger Ungeschlechtlichen stattfinden; und wo es die gibt, wird man immer etwas Anormales beobachten können. Die besten Ehen, das heißt die am besten ihre wirkliche Bestimmung erfüllen, sind gerade die „mal assortis‟.

Abneigung, Verschiedenheit der Ansichten, Haß, Verachtung können die wahre Liebe begleiten. Verschiedene Intelligenzen und Charaktere bringen die reichsten Kinder hervor, die beider Anlagen erben. Frau Maria Grubbe, die an Überkultur litt, sucht und sucht mit vollem Bewußtsein einen geistigen Gatten. Sie wird unglücklich, bis sie einen Stallknecht bekommt, der ihr gibt, was sie braucht, und Schläge dazu. Das hatte sie nötig als Ergänzung.