Seitdem sprach sie am liebsten mit ihm. Das erhob ihn. Er war verlegen, wenn sie einen Kreis erwachsener Männer verließ, um sich neben ihn zu setzen. Er begann in ihrer Seele zu forschen, stellte Fragen nach ihrem Seelenzustand, die verrieten, daß er viel beobachtet und viel gedacht hatte. Er bekam die Oberhand und wurde ihr Gewissen. Wenn sie einen Abend zu lebhaft gescherzt hatte, kam sie zu dem Jüngling, um bestraft zu werden. Das war eine Art Geißelung, angenehm wie eine Liebkosung.
Schließlich begannen sich die Herren um den Jüngling zu kümmern.
— Können Sie sich denken, sagte sie eines Abends, sie behaupten, ich sei in Sie verliebt.
— Das sagen sie von allen Menschen verschiedenen Geschlechts, die Freunde sind.
— Glauben Sie, daß es Freundschaft zwischen Mann und Weib geben kann?
— Ja, davon bin ich überzeugt, antwortete er.
— Danke, sagte sie und reichte ihm ihre Hand. Wie sollte ich, die ich doppelt so alt bin wie Sie, die ich häßlich und krank bin, in Sie verliebt sein können! Und dann bin ich ja auch verlobt!
Nein, das war natürlich nicht möglich, daß eine ältere und häßliche Frau in den Körper eines jungen, durch Turnen gut entwickelten Jünglings verliebt sein konnte, zumal der Jüngling kleine fleischige Hände mit langen, wohlgepflegten Nägeln, kleine Füße und schlanke Beine mit starken Waden hatte; auch noch einen frischen Teint mit keimendem Bartwuchs besaß. Aber die Logik ist nicht stark, wenn das Herz verletzt ist. Daß Johan dagegen ein dreißigjähriges Weib, das groß gewachsen und männlich gestaltet war, das Zuckerkrankheit und Wassersucht hatte, liebte, das war beinahe unmöglich.
Seit diesem Abend aber hatte sie das Übergewicht. Sie wurde mütterlich. Das packte ihn. Und als sie dann wegen ihrer Neigung geneckt wurde, fühlte sie sich beinahe verlegen und ließ alle Gefühle fallen, mit Ausnahme der mütterlichen; auch begann sie an seiner Bekehrung zu arbeiten, denn auch sie war Pietistin.