Kann Freundschaft zwischen den beiden Geschlechtern entstehen und dauern? Nur scheinbar, denn die beiden Geschlechter sind geborene Feinde; + und - bleiben immer Gegensätze, positive und negative Elektrizität sind feindlich, aber suchen einander, um einander zu ergänzen. Freundschaft kann nur entstehen zwischen Personen mit denselben Interessen, ungefähr denselben Anschauungen. Mann und Weib sind durch die gesellschaftliche Ordnung mit verschiedenen Interessen, verschiedenen Anschauungen geboren. Darum kann Freundschaft zwischen den Geschlechtern nur in der Ehe entstehen, in der die Interessen dieselben geworden sind; dann aber nur, solange das Weib sein ganzes Interesse der Familie widmet, für die der Mann arbeitet. Sobald sie sich einer Sache widmet, die außerhalb der Familie liegt, ist der Vertrag gebrochen; dann haben Mann und Weib verschiedene Interessen, und es ist aus mit der Freundschaft. Darum ist eine geistige Ehe unmöglich, weil sie zur Sklaverei des Mannes führt: diese Ehe löst sich denn auch bald auf.

Der Fünfzehnjährige verliebte sich in ein Weib von dreißig Jahren. Wäre es reine, sinnliche Liebe gewesen, dann hätte man etwas Ungesundes bei ihm argwöhnen können; aber er konnte zu seiner Ehre damit prahlen, daß seine Liebe unsinnlich war.

Wie er dazu kam, sie zu lieben? Viele Gründe wie immer, nicht nur einer.

Sie war die Tochter des Hauswirts, nahm als solche eine höhere Stellung ein, und das Haus war reich und gastfrei. Sie war gebildet, wurde bewundert, herrschte im Hause, stand intim mit der Mutter; sie konnte die Wirtin machen, führte die Unterhaltung, war von Herren umgeben, die alle von ihr beachtet zu werden wünschten. Dazu war sie emanzipiert, ohne jedoch den Männern feindlich zu sein; sie rauchte und trank ihr Glas, aber nicht etwa auf geschmacklose Art. Dazu war sie mit einem Manne verlobt, den der Vater haßte und den er nicht zum Eidam haben wollte. Der Bräutigam weilte im Auslande und schrieb selten. Im Hause verkehrten ein Amtsrichter, Studenten der Technischen Hochschule, ein Literat, Geistliche, Bürger. Alle umschwärmten sie. Johans Vater bewunderte sie, die Stiefmutter fürchtete sie, die Brüder warteten ihr auf.

Johan hielt sich hinter allen andern zurück und beobachtete sie. Es dauerte lange, ehe sie ihn entdeckte. Schließlich eines Abends, als sie alle Herren angesprüht und entzündet hatte, zog sie sich müde in einen Salon zurück, in dem Johan saß.

— Gott, wie unglücklich bin ich! sagte sie zu sich selbst und warf sich auf ein Sofa.

Johan machte eine Bewegung und ward gesehen. Er glaubte etwas sagen zu müssen.

— Sie sind unglücklich? Sie lachen doch beständig! Sie sind sicher nicht so unglücklich wie ich!

Sie sah den Burschen an, setzte das Gespräch fort, und sie waren Freunde.