Jetzt müßte der durchschaute Selbstbetrug sich aufgezehrt haben und gestorben sein; da aber tritt ein neuer wichtiger Faktor in sein Leben ein, der die Selbstquälerei zum Fanatismus treibt, bis sie dann Knall und Fall stirbt.


Sein Leben war während dieser Jahre nicht von so furchtbar einförmiger Tristheit gewesen, wie es sich später in der Perspektive zeigte, als alle dunklen Punkte so zahlreich waren, daß sie zu einem einzigen grauen Hintergrund zusammenschmolzen. Aber hinter und unter allem ruhte seine zurückgesetzte Stellung als Kind, während er mannbar war; der Lehrstoff konnte ihn nicht mehr interessieren; er war darauf gefaßt, daß er mit fünfundzwanzig Jahren sterben müsse; sein Geschlechtstrieb war unbefriedigt; seine Umgebung hatte einen ganz andern Bildungsgrad und konnte ihn infolgedessen nicht begreifen.

Mit der Stiefmutter kamen drei junge Mädchen ins Haus, ihre Schwestern. Sie schlossen bald Freundschaft mit den Stiefsöhnen, machten gemeinsame Spaziergänge, fuhren zusammen auf der Rutschbahn, spielten mit ihnen. Sie suchten immer Versöhnungen zustande zu bringen; erkannten an, daß die Schwester dem Jüngling gegenüber schuld hatte; und damit war er sofort zufrieden, so daß sich sein Haß legte.

Auch die Großmutter übernahm die Rolle der Vermittlerin, trat schließlich entschieden als Freund Johans auf und beschwor oftmals den Sturm. Aber ein verhängnisvolles Geschick ließ ihn auch diesen Freund bald verlieren. Die Tante hatte die neue Ehe nicht geliebt, und ein Bruch mit dem Bruder war eingetreten. Das war ein großer Kummer für den Alten. Der Verkehr hörte auf, und man sah sich nicht mehr. Es war natürlich Hochmut. Aber eines Tages trifft Johan die Kusine, damals ein älteres Mädchen, das sehr fein gekleidet ist, auf der Straße. Sie ist neugierig, will etwas über die neue Ehe hören und geht mit Johan spazieren.

Als er nach Hause kommt, trifft er Großmutter, die ihm in scharfen Worten vorhält, daß er sie auf der Straße nicht gegrüßt habe; er sei wohl in zu feiner Gesellschaft gewesen, um die Alte zu grüßen. Er beteuert seine Unschuld; es ist aber vergebens.

Da er nicht viele Freunde zu verlieren hatte, war dieser Verlust schmerzlich.

Auch mit andern jungen Mädchen aus dem Bekanntenkreis der Stiefmutter verkehrte man. Es wurden Spiele gespielt, Pfänderspiele nach den einfachen Sitten der Zeit; dabei küßte man die Mädchen und faßte sie um die Taille. Eines Tages hatte er tanzen gelernt und wurde nun ein eifriger Walzertänzer. Das war eine sehr gute Erziehung für den Jüngling: dadurch wurde er daran gewöhnt, den weiblichen Körper zu sehen und zu berühren, ohne daß seine Leidenschaften erwachten. Als er zum ersten Male geküßt werden sollte, zitterte er, bald aber war er ruhig. Die Elektrizität verteilte sich, die Phantasien nahmen feste Form an, und die Träume wurden nicht mehr so oft gestört. Aber das Feuer brannte, und die Kühnheit trat einige Male hervor. Als die Pfänder in einem dunklen Zimmer gelöst wurden, faßte er ein junges hübsches schwarzhaariges Mädchen an die Brust, die nur von einem dünnen Garibaldihemd verborgen wurde. Sie fauchte. Er schämte sich nachher, konnte aber nicht umhin, sich männlich zu fühlen. Wenn sie nur nicht gefaucht hätte!

Einen Sommer weilte er mit der Stiefmutter bei einem ihrer Verwandten, einem Landwirt in Östergötland. Dort wurde er als Weltmann behandelt und ward gut Freund mit der Stiefmutter. Auch das währte nicht lange, und bald brach der Streit wieder in hellen Flammen aus. So ging es auf und nieder, hin und zurück.

Zu dieser Zeit, im Alter von fünfzehn Jahren, geht er seine erste Liebesverbindung ein, wenn es Liebe war. Die Kulturliebe ist ein sehr verfälschtes und verwickeltes Gefühl und im Grunde ungesund. Reine Liebe ist ein Widerspruch in sich, wenn man nämlich unter rein unsinnlich versteht. Die Liebe als Geschlechtstrieb muß sinnlich sein, wenn sie gesund sein soll. Als sinnliche Liebe muß sie den Körper lieben. Während des Rausches passen sich die Seelen einander an und Sympathie entsteht. Sympathie ist Waffenruhe, Ausgleich. Darum bricht die Abneigung gewöhnlich aus, wenn sich das sinnliche Band gelöst hat, nicht umgekehrt. Aber das Wort sinnlich hat durch die tote Moral des Christentums eine niedrige Bedeutung erhalten: „Der Geist ist im Fleisch gefangen.‟ „Töte das Fleisch und laß den Geist frei.‟ Geist und Fleisch sind jedoch eins; tötet man das Fleisch, so tötet man auch den Geist.