Parallel mit dem starken Gegenstrom, dem Pietismus, lief der neue Rationalismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Das Christentum, das man mit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zur Mythologie verwiesen hatte, war wieder in Gnaden aufgenommen worden; und da die Lehre Staatsschutz genoß, konnten die Söhne der Restauration sich nicht gegen die von neuem eingeimpften Dogmen wehren. Aber 1835 hatte Strauß' „Leben Jesu‟ eine neue Bresche geschlagen, und auch in Schweden sickerte neues Wasser in die vermodernden Brunnen. Das Buch wurde Gegenstand eines Prozesses, aber auf dieser Grundlage wurde dann das ganze moderne Reformationswerk aufgebaut; von selbständigen Reformatoren wie immer, denn die andern reformieren nicht.
Pfarrer Cramér hat die Ehre, der erste gewesen zu sein. Schon 1859 gab er seinen „Abschied aus der Kirche‟ heraus, eine populäre, aber kenntnisreiche Kritik des Neuen Testaments. Er besiegelte seinen Glauben mit der Tat und trat aus der Staatskirche aus, indem er sein Amt niederlegte. Seine Schrift grub am tiefsten, und wenn auch Ignells Bücher mehr von Theologen gelesen wurden, bis zur Jugend gelangten sie nicht.
Im selben Jahre erschien „Der letzte Athener‟ von Victor Rydberg. Dessen Wirkung wurde dadurch sehr abgeschwächt, daß man die Arbeit als literarischen Erfolg begrüßte und auf das neutrale Gebiet der Dichtung verwies. Tiefer griff 1862 Rydbergs „Lehre der Bibel von Christus‟, welche die Theologen zur Götterdämmerung weckte. Renans „Leben Jesu‟, in der Übersetzung von Ignell, packte alle Leute, alte wie junge, wie ein Sturm; und es wurde in der Schule neben Cramér gelesen, was mit der „Lehre‟ nicht der Fall war. Und mit Boströms Angriff auf die Höllenlehre von 1864 waren die Pforten geöffnet für den Rationalismus oder das Freidenkertum, wie es genannt wurde. Boströms eigentlich unbedeutende Schrift wirkte doch außerordentlich durch den großen Namen des Professors der Universität Upsala und frühern Prinzenlehrers, den der mutige Mann aufs Spiel setzte; und den niemand nach ihm aufs Spiel gesetzt hat, seit es keine Ehre mehr ist, Freidenker zu sein oder für die Freiheit des Gedankens und dessen Rechte zu arbeiten.
Genug, alles war bereit, und nur ein Hauch war nötig, um das Kartenhaus des Jünglings umzustoßen. Da kam ein junger Ingenieur auf seinen Weg. Der war sogar Mieter im Hause der Freundin. Der beobachtete Johan lange, ehe er an ihn herantrat. Johan hatte Achtung vor ihm, weil er einen guten Kopf haben sollte; und er war wohl auch etwas eifersüchtig. Die Freundin bereitete Johan auf die Bekanntschaft vor und warnte ihn. Es sei ein äußerst interessanter Mensch, ein brillanter Kopf, aber er sei gefährlich. Johan traf den Mann. Es war ein stark gebauter Wermländer mit groben ehrlichen Zügen; einem kindlichen Lächeln, wenn er lächelte, was nicht oft geschah; eher still als geräuschvoll. Sie waren sofort bekannt.
Am ersten Abend wurden nur einige Hiebe gewechselt. Es handelte sich um Glauben und Wissen.
— Der Glaube müßte die Vernunft töten, meinte Johan nach Krummacher.
— Pfui, sagte der Freund. Die Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den Menschen über das Tier erhebt. Soll denn der Mensch sich zu einem Tier erniedrigen, indem er Gottes Gabe verwirft?
— Es gibt Dinge, antwortete Johan (nach Norbeck), die man sehr wohl glauben kann, ohne daß man einen Beweis verlangt. Wir glauben an den Kalender, ohne selbst etwas von den Bewegungen der Planeten zu wissen.
— Ja, antwortete der Freund, wir glauben, wenn wir nicht fühlen, daß unsere Vernunft etwas annimmt. Meine Vernunft hat sich nicht gegen den Almanach erhoben.