8.
Eisgang.
Die Schule erzog, nicht das Elternhaus. Die Familie ist zu eng und hat zu kleine, selbstsüchtige, antisoziale Zwecke. Treten dann noch obendrein so abnorme Verhältnisse ein wie Wiederverheiratung, so ist es mit der einzigen Berechtigung der Familie zu Ende. Das Kind einer verstorbenen Mutter müßte ganz einfach aus der Familie herausgenommen werden, wenn der Vater sich wieder verheiratet. Damit wären die Interessen aller Teile gewahrt; nicht am wenigsten des Vaters, der vielleicht am meisten leidet, wenn er eine neue Familie bildet. In der Familie gibt es nur einen (oder zwei) Willen, der herrscht, gegen den keine Berufung möglich ist; deshalb ist Gerechtigkeit ausgeschlossen. In der Schule ist eine ständige und wache Jury, die Kameraden wie Lehrer schonungslos beurteilt.
Die Jünglinge begannen ihre Wildheit abzulegen; soziale Instinkte erwachten; man fing an einzusehen, daß die eigenen Interessen gemeinsam durch Ausgleich gefördert werden müßten. Unterdrückung durfte nicht stattfinden, denn der Mitglieder waren genug, um eine Partei zu bilden und sich zu empören. Ein Lehrer, der von einem Schüler schlecht behandelt wurde, konnte am ehesten Gerechtigkeit erlangen, wenn er an die Schüler appellierte. Aber auch die Teilnahme an größeren allgemeinen Angelegenheiten, des Volkes, des Landes, der Menschheit, begannen sich zu zeigen.
Während des deutsch-dänischen Krieges bildete man einen Fonds zum Einkauf von Kriegsdepeschen; die wurden an der schwarzen Tafel angeschlagen, von den Lehrern mit Interesse gelesen und veranlaßten vertrauliche Gespräche, in denen die Lehrer über Ursachen und Entstehung des Krieges sprachen. Man war natürlich einseitig skandinavisch, und die Frage wurde vom Gesichtspunkt der Studententage beantwortet. Für den künftigen Krieg wurde jetzt der Grund gelegt zu einem Preußen- und Deutschenhaß, der schon beim Begräbnis des beliebten Turnlehrers Leutnant Betzholtz einen leisen fanatischen Zug annahm.
Das Jahr 1865 näherte sich. Der Geschichtslehrer, Edelmann und Aristokrat, ein gefühlvoller und freundlicher Mann, suchte die Jünglinge in der Frage der Volksvertretung heimisch zu machen. In der Klasse hatten sich Parteien gebildet; einer von den Söhnen der Sprecher des Herrenhauses, ein Graf S., der allgemein beliebt und geschätzt war, wurde das Haupt der Opposition. Er war von alter deutscher Schwertritterfamilie, aber arm, verkehrte mit seinen Kameraden vertraulich, hatte aber doch ein starkes Geburtsgefühl. An den Tagen vor der letzten Abstimmung hatten die Kameraden geholfen, den geistlichen Stand anzuspeien. Eine Schlacht, eher ein Spiel, entstand in der Klasse, und Tische und Bänke wurden umgeworfen.
Die Sache des Volkes war durchgesetzt. Graf S. blieb aus. Der Geschichtslehrer sprach mit Bewegung von dem Opfer, das Ritterschaft und Adel auf dem Altar des Vaterlandes gebracht hätten, als sie auf ihre Privilegien verzichteten. Der gute Mann wußte noch nicht, daß Privilegien keine Rechte sind, sondern Vorrechte, die man an sich gerissen hat, die aber zurückgenommen werden können, wie Eigentum bei gewissen nicht ganz gesetzlichen Käufen. Der Lehrer bat die Klasse, Mäßigung über den Sieg zu zeigen und die Besiegten nicht zu verletzen. Der junge Graf wurde auch mit ausgesuchter Achtung empfangen, als er wieder in die Klasse eintrat. Aber die Gefühle überwältigten ihn, als er die vielen Unebenbürtigen sah, die jetzt mit ihm auf gleicher Stufe standen, dermaßen, daß er in Tränen ausbrach und hinausgehen mußte.
Johan war in der Politik nicht zu Hause. Die war natürlich als ein allgemeines Interesse vom Elternhaus ausgeschlossen, in dem nur Privatinteressen gewahrt wurden, allerdings auch recht schlecht. Söhne werden erzogen, als sollten sie ihr ganzes Leben lang Söhne bleiben, ohne daß man daran denkt, daß sie einmal Väter werden sollen. Aber Johan hatte seinen Unterklasseninstinkt, der ihm sagte, eine Ungerechtigkeit werde abgeschafft; die obere Fläche senke sich so weit, daß die untere auf das gleiche Niveau kommen konnte. Er war natürlich liberal; da aber der König auch liberal war, so war man zugleich Royalist.