Zwölftes Kapitel
Doktor Borg

Doktor Borg war zweimal verheiratet gewesen; das erste Mal mit einer einheimischen Närrin, die er wegen ihrer Schönheit und Jugend liebgewonnen hatte. Aber sie war sich dieser Schönheit so bewußt, daß sie ihr einen wahren Kult widmete. Sie konnte stundenlang halbangezogen vorm Spiegel sitzen und sich bewundern; ihre runden Arme küssen, ihren Busen modellieren, sich selbst die Zähne zeigen, ihre Nase kneten, um die schönste Wölbung an der richtigen Stelle hervorzubringen. Als der Doktor sie einmal unbemerkt bei dieser Beschäftigung sah, erschrak er, denn der Ausdruck ihres Gesichts war nicht der eines Menschen, sondern eines albernen Tieres, eines Vogels, der sich in einer Quelle spiegelt und seine Federn zupft. Es kam ihm so unheimlich vor, nicht mit einem Menschen zusammenzuleben, daß er bei all seinem Freimut die Sache in den Sack stopfte und den zuknotete.

Trotz ihrer Schönheit verstand sie sich nicht anzuziehen, und wenn er eine Bemerkung machte, wurde das als Majestätsbeleidigung angesehen. Sie zog sich dann geknickt zurück, verhöhnte ihn, daß er sie nicht zu schätzen vermöge, zählte in ihrer Einfalt alle ihre Bewunderer auf, zitierte deren Urteil. Der Doktor setzte nach der Heirat seine Rauchopfer in Form von Blumen und Sekt fort; aber die Blumen paßten nie.

»Ich habe von Leutnant X. Orchideen zu sieben Kronen das Stück bekommen. Und richtiger Champagner muß elf Kronen kosten.«

Sie liebte sich selbst und ihre Schönheit so objektiv, daß sie auf den Doktor eifersüchtig war, weil er sie gekriegt hatte.

»Du hast Glück gehabt! Du weißt nicht, wie gut du es hast. Denke, wie viele dich beneiden.«

Aber diese Selbstliebe ging so weit, daß sie sich dem Mann nicht hingeben konnte; sie gönnte ihm ihre Liebe nicht, sondern war noch in den Momenten der Zärtlichkeit so neidisch kühl, daß sie nichts empfangen konnte. Und dann klagte sie.

Anfangs kümmerte sich der Doktor nicht darum, denn er wußte, wer er war. Aber bald ging sie zu ihrer Mutter, beklagte sich und sagte, sie betrachte sich nicht als verheiratet. Die Mutter verstand nichts und wollte nichts wissen.

Der Doktor, der ein junger Arzt war, verstand auch nicht, was die Frau meinte, wurde aber unruhig und fragte einen älteren befreundeten Kollegen um Rat.

»Ja, mein Junge,« sagte der Alte, »jetzt stehst du vor einem Problem, an dem ich noch heute buchstabiere. Aber ich habe kürzlich eine bestimmte Äußerung unseres größten Gynäkologen über diese Frage gelesen. Er sagt, das Freudenmädchen suche die Freude, die Gattin aber suche das Kind; und er erklärt entschieden, das Kind müsse keusch in einer liebevollen Umarmung erzeugt werden, nicht in einer wollüstigen. Das ehrbare Mutterweib wird keusch in der Ehe, gegen ihren Willen, und was sie sucht, findet sie nicht; deshalb klagt sie. Aber, lieber Freund, ich bin so weit gekommen, daß ich finde, auch des Mannes Begierde wird in der Ehe geadelt, gewissermaßen neutralisiert oder vergeistigt; deshalb habe ich ebensoviele Klagen von männlicher Seite gehört. Du siehst ja an Neuvermählten, wieviel Enttäuschung … übrigens, ist deine Frau schwanger?«