»Bravo! Und so etwas soll unsere meiste Zeit und unsere besten Gedanken in Anspruch nehmen! Weißt du, Esther, Idealist war ich nie, aber doch ist die Wirklichkeit eine Karikatur unserer Ideen von den Dingen. Alles ist herabgezogen und auf den Kopf gestellt; es gibt Augenblicke, wo ich eine Wahrheit in den Worten der alten Sage höre: Verflucht sei die Erde um deinetwillen! Es gibt Augenblicke, in denen ich glaube, daß der verrückte Stagnelius recht hatte, als er darüber klagte, daß unsere Menschenseelen in Tierkörper gekrochen seien. Wir benehmen uns ja wie Tiere, wir küssen uns mit demselben Munde, der die Speisen einnimmt, und wir lieben mit den Abführungsorganen! Ist es da ein Stolz, ein Mensch zu sein? Nein, demütigend ist es, und wir müßten uns alle schämen. Die Darwinisten haben schon recht, daß der menschliche Körper sich aus dem Tierkörper entwickelt hat, aber sie vergessen, daß die Seele ein selbständiges Dasein führt mit Ahnen von oben, mit Erinnerungen an die Sterne, und daß das Fleisch nur ein Futteral ist, das stremmt. Die Seelenwanderung der Ägypter ist schon richtig, aber ich glaube, wir sind in dieser affenähnlichen Hülle bereits auf der Wanderung begriffen. Weißt du, ich habe einmal in der Schwimmschule die weißgelbroten Menschenkörper gesehen und war frappiert von der Ähnlichkeit mit – nicht mit Affen, sondern mit jungen Schweinen, die auch rosenrot und haarlos sind. Weißt du, ich habe Augenblicke, in denen ich buchstäblich nicht Platz in meiner Haut habe, wo ich meine Hülle abwerfen und meines Weges fliegen möchte. Ich beginne an alte Märchen zu glauben; ich glaube an den Sündenfall, denn seit wir gefallen sind, du und ich, haben wir uns nur verachtet. In der ersten Zeit, als ich dich liebte, sah ich deinen Körper nicht; ich sah nur deine Seele, und die war schön und gut. Dann kam der Teufel und das Tier. Neulich sah ich das Tier in dir, in deinen Augen. Es war auf einmal wie totes bemaltes Porzellan, sah aus wie ein Emailauge auf dem Schild eines Optikers. Da bekam ich Angst. Und trotzdem müssen wir uns aufbieten lassen! müssen hinunter in den Morast der Küche und des Kinderzimmers; du und ich wie alle andern. Der heilige Ehestand, an dem die Liebe keinen Teil hat, in dem auf den schönen Augenblick der Empfängnis immer Scheltworte folgen, in dem alle Laster blühen und die Tugend, wenn sie sich als guter Geschmack offenbart, ein Fehler ist, der ein Scheidungsgrund werden kann. Ich habe einen verheirateten Freund, der der Kälte gegen seine Frau beschuldigt wurde. Vor dem Richter äußerte er sich vorsichtig ungefähr so: Meine Frau klagt mich der Kälte an. Wir haben nach einjähriger Ehe nur ein Kind, aber wenn wir in Konstantinopel verheiratet gewesen wären, hätte ich jetzt zweihundert Kinder haben können; und trotzdem klagt sie! Zweihundert! Doch du weißt, die Menschen lieben es nicht, daß man sich verteidigt …«
Jetzt klingelte es zum Abendbrot, und sie mußten hinuntergehen. Es ging kalt und steif bei Tisch zu. Die Kleinen waren auch da. Irrtümlicherweise hatte der Knabe des Vaters Serviettenring bekommen. Er spielte damit und las den Namenszug; seine Lippen bewegten sich, aber man hörte nicht einen Laut. Doch Frau Brita hörte und verstand; und mit einem Ruck nahm sie ihm den Ring weg.
Der Knabe errötete, schlug die Augen nieder und äußerte nach einer Weile:
»Kann der eine Mensch dem andern verbieten zu denken?«
Keine Antwort erfolgte; denn in diesem »der eine Mensch und der andere« lag ein starkes persönliches Selbstgefühl, das andeutete, daß das Kind sich mit der Mutter auf gleichem Niveau fühle; diese war ergriffen, vor allem deshalb, weil sie die Stimme des Vaters aus dem Kinde hörte. Dieser Mann, den sie aus der Welt ausgerottet zu haben glaubte, stand wieder auf und saß am Tisch, redend, vorwurfsvoll. Sollte er sich durch die Kinder rächen, sollte seine Seele noch in diesem Hause weilen, von dem er ausgeschlossen war? Sie fühlte in diesem Augenblick einen grenzenlosen Haß gegen das Kind, und als der Knabe aus Gedankenlosigkeit oder in unbewußtem Willen den Serviettenring wiedernahm, stand die Mutter rasend auf und packte das Kind am Ohr. Ruhig, kalt, beherrscht und mit der Überzeugung eines erwachsenen Menschen sagte der Knabe die folgenden Worte, die er nicht zu Ende gedacht hatte:
»Rühr mich nicht an, Mama, denn dann stirbst du!«
Was meinte er? Meinte er etwas? Wer weiß? Alle Kinder sind Wunderkinder insofern, als ihr intuitiver Verstand in dem kleinen unvollendeten Körper fertig dazuliegen scheint. Aber auch der Kinderkörper scheint fertig zu sein; er erscheint nur in verkleinertem Maßstab, und man hat oft den Eindruck, einen Miniaturmenschen zu sehen, wenn man ein Kind sieht. Die naiven Ausbrüche, die man von einem Kinde hört, sind nicht naiv, sie sind ebenso tief gedacht wie bei einem Älteren. Wir haben ja kürzlich in den Bekenntnissen eines großen Staatsmannes gelesen, er erinnere sich, in seinen Knabenjahren ebenso klug gewesen zu sein wie im Alter. Wenn das so ist, was für einen Zweck hat dann die Erziehung? Soll sie unterdrücken?
Als der Knabe schwieg, sollte er in ein dunkles Zimmer gesperrt werden, weil er bei Tisch gesprochen hatte. Die Mutter hatte ihn am Arm gefaßt, die Verstimmung war allgemein, und Graf Max stand bereit, zu vermitteln, als plötzlich alle aufhorchten.
Vom Garten her hörte man einen heulenden Laut, vielleicht das Brüllen eines Haustiers …
»Das Vieh ist doch im Winter nicht draußen!« unterbrach der Graf das unheimliche Schweigen.