»Wer wird das nicht! – Nachdem Leben und Entwicklung das Tempo gesteigert haben, so daß man jetzt in zehn Jahren eine weltgeschichtliche Epoche durchläuft, wird es für die Wachsenden immer qualvoller, von einer veralteten Regierungsform niedergedrückt zu werden, die von ihrer Zeit nichts versteht. Die Sitten verändern sich, aber die alten Sittengesetze bleiben; die Rechtsbegriffe erneuern sich, aber das Gesetzbuch steht noch bei 1734 und 1866. Wenn wir nach Metern und Kronen rechnen, messen die Alten mit Ellen und Talern. Diese Mißverhältnisse im Gesellschaftsbau machen das Leben zu einer Hölle oder einem Irrenhaus. Weißt du was: ein Land, das seine Revolution nicht gehabt hat, kann nicht wachsen. Sieh, im Adelsalmanach wirst du finden, ob wir ein Stockholmer, ein Linköpinger Blutbad und eine Reduktion Karls XI. nötig haben. Bist du in Lund gewesen und hast den Park von Lund gesehen? Da kann nicht ein junger Baum wachsen, denn die alten stehen im Wege und schatten; hohl und morsch sind sie, und Eulen nisten in ihnen. Fällen darf man sie aber nicht! Warum zum Teufel darf man es nicht? … An dem Tage, da sie von selber stürzen, ist der ganze Park eine Sandwüste, und man muß Menschenalter warten, bis Neuwuchs da ist. Nein, man muß lichten und verjüngen!«
»Möchtest du am Schafott stehen?«
»Ich? Wie gern! Ich bin an die Leiden Unschuldiger bei Operationen gewohnt; und ich würde neben ihnen stehen und ihnen im letzten Augenblick ein gutes Wort geben, nachdem ich sie chloroformiert hätte. Ich bin ein Wilder, obwohl ich in Schweden heimatberechtigt bin; und ich glaube, daß den Wilden die Zukunft gehört. Du weißt ja, daß alle gebildeten Nationen sterben, an Bildung, an Verweichlichung, an Tierschutz und ethnographischen Museen. Wer sich umdreht, um seinen Dreck anzusehen, wird des Todes sterben. Und das tut die Nation jetzt, wenn sie zurückblickt, auf Lützen und Narwa, auf Gustav III. und die Schwedische Akademie, auf Wanzenhäuser und Glockentürme, auf Kummethölzer und Trinkschalen, sie drehen sich nur um, deuten auf den Dreckhaufen und sagen: Seht, das haben wir gemacht! – Ja, und wenn sie nicht bald fertig sind, dann kommt für uns nie die Gelegenheit, unsere Notdurft zu verrichten!«
»Stehst du noch auf deinem früheren Standpunkt, daß alles Unsinn ist?«
»Ja, wenn ich müde bin, dann finde ich, daß alles Unsinn ist; aber wenn ich ausgeschlafen habe, dann bin ich bereit, wieder dem großen Unbekannten entgegenzutanzen.«
Sie wanderten straßauf, straßab.
»Siehst du,« fing der Doktor wieder an; »der Zustand jetzt ist umso unleidlicher für mich und meine Altersgenossen, als wir in den sechziger Jahren in der Vorstellung erzogen wurden, die Monarchie sei etwas Ungesetzliches, Usurpiertes; der Fürst sei der natürliche Feind des Volkes, und der Mann, der Brutus sein wolle, verdiene großen Triumph. Wir hörten ja Freiheitssänger wie Talis Qualis und Snoilsky die Republik als das höchste Gut besingen. So kam es, daß wir Republikaner auf das neue Jerusalem warteten, und 1866 glaubten wir es gekommen. Aber es kam nicht. Jetzt mit deiner Verurteilung sind wir in die vierziger Jahre hinuntergestürzt. Ich finde, es riecht heute nach Karl Johann, nach Crusenstolpe und Anders Lindeberg, am meisten aber nach Karl Johann. Der ist für mich der Inbegriff alles Modrigen: Rekrutierungsgewalt und Stadthaus, Festung Vaxholm und Feldlager; mit einem Wort: was vor mir war, war tot, war Erdboden, in dem wir schon wuchsen; der wird jetzt aufgegraben und stinkt. Nun, aber hast du Angst vor dem Gefängnis?«
»Nein! Im Gegenteil! Es wird für mich eine Rekreation sein, und ich will meine Erziehung von vorn anfangen.«
»Ja, damit ist nicht zu spaßen; ich habe als Militärarzt sechs Tage gesessen, und es drohte im Gehirn eine Überproduktion zu entstehen.«