Das Souper ging schnell vorbei, und man brach bald auf, denn man fühlte das vielköpfige Wesen unten im Saal als etwas Drohendes, Erstickendes.
Doktor und Neffe gingen allein in ein Hotel, denn Holger wollte sein Heim nicht mehr sehen, bis er aus dem Gefängnis kam.
»Heute Minorität, morgen Majorität!« sagte der Doktor. »Im übrigen lehrt die Erfahrung, daß einer, der im Wald wandert und sich verirrt zu haben glaubt, oft plötzlich am Ziel ist. Die französische Revolution konnte nur nach der Regierung eines Ludwig XV. kommen. Je schlimmer, desto besser! Übrigens ist dies hier nur eine Essenspause; man schnallt den Riemen weiter, und der Appetit ist wieder da … Das Segel schlägt um, wenn man wendet, und du sollst sehen, daß wir bald über Stag sind. Es kommt mir vor, als ginge man umher und nähme Abschied von allem Alten, von dem man sich bald trennen muß; dann wird einem alles so teuer, auch das, was man weniger geschätzt hat. Das neue Jahrhundert kommt mit einem neuen Geschlecht und neuen Gedanken, und dann ist dies alles von selbst verwelkt. Kriech jetzt hinein, Holger, und verpuppe dich. Komm wieder heraus mit Flügeln, dann fliegen wir! – Und jetzt! Laß dich umarmen und gute Nacht!«
Sie trennten sich, ohne Schmerz, ohne große Worte, aber mit einem Ernst, den sie früher nicht gekannt hatten.
Fünfzehntes Kapitel
Im Opernkeller
Ein paar Jahre waren wieder vergangen. Doktor Borg und Redakteur Holger saßen eines Nachmittags im neuen Opernkeller. Holger Borg war nicht mehr der Alte; die drei Monate im Gefängnis hatten einen merkwürdigen Einfluß auf ihn ausgeübt. Etwas war geschehen, worüber er nicht sprechen wollte; und sein Gesicht war erstarrt, so daß er nicht lächeln konnte; innerlich war etwas erfroren, und ein Nerv schien zerrissen zu sein. Aber er hielt an seinem Vorwärtsstreben fest; doch war ein Unterschied in seiner Behandlung der Religiösen zu bemerken. Er höhnte nicht mehr, lästerte auch nicht mehr, sein freudiger Glaube an den Weltmechanismus ohne Mechaniker war verflogen, und er konnte das Schicksal der Menschen nicht mehr mit der Zoologie erklären.
Im selben Jahre begann es in der Welt zu spuken. Zeichen und Wunder geschahen, geheimnisvolle Todesfälle, Ferngesichte, Prophezeiungen. Und Frontveränderungen traten ein; die Gläubigen wurden ungläubig, und die Männer der Aufklärung wurden gläubig. Die Wissenschaften selbst machten Fiasko; Kochs Millionenlymphe versagte; keine Erfindungen, keine Fortschritte, nur Kleinarbeit; aber da hörte man aus Amerika, daß man aus Silber und Kupfer Gold mache und unter dem Schutz der großen Namen Edison und Tesla eine Gesellschaft gegründet habe. Damit war ja die Chemie bankrott und die Alchimie kam auf.
In Paris sollten Hexenprozesse bevorstehen; man hörte von Bekehrungen zum Katholizismus; die schönen Künste hatten den Naturalismus aufgegeben und gingen wie die Literatur zum Mystizismus über. Es war ein Wallen, eine Bewegung in der Welt, die Neues verkündete.