»Sechs Monate, wie du weißt,« antwortete Esther, »aber hast du mich heute gesehen?«

»Ja, vorhin in einer Straßenbahn; und ich sah dir in die Augen, so daß ich mit dir zu sprechen meinte.«

»Es ist seit damals viel geschehen.«

»Ja, und ich dachte, es sei aus zwischen uns.«

»Wieso?«

»Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, sind zerbrochen und auf eine okkulte Art. Aber das ist eine alte Beobachtung.«

»Was du sagst! Jetzt besinne ich mich auf eine ganze Menge solcher Ereignisse, aber ich habe das für Zufälle gehalten. Ich bekam einmal einen Kneifer von meiner Großmutter, als wir gute Freunde waren. Er war aus geschliffenem Bergkristall und ausgezeichnet bei Obduktionen, ein wahres Wunderwerk, das ich sorglich hütete. Eines Tages entzweite ich mich mit der Alten, und sie wurde böse auf mich. Bei der nächsten Obduktion fiel das Glas ohne jede Ursache heraus. Ich dachte, es sei ganz einfach zerbrochen, und schickte es zum Reparieren. Nein, es verweigerte beharrlich den Dienst, wurde in eine Schublade gelegt und ist weggekommen.«

»Ach nein! Wie seltsam, daß alles, was die Augen betrifft, am empfindlichsten ist. Ich bekam von einem Freunde ein Opernglas; es paßte so gut für meine Augen, daß die Benutzung ein Genuß war; der Freund und ich entzweiten uns. Du weißt, so etwas kommt vor, ohne ersichtliche Ursache; es ist, als dürfe man nicht harmonisch sein. Nun, als ich das nächste Mal das Glas benutzen wollte, konnte ich nicht klar sehen. Der Schenkel war zu kurz, und ich sah zwei Bilder. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß weder der Schenkel kürzer noch der Augenabstand größer geworden war! Es war ein Wunder, das alle Tage vorkommt und das schlechte Beobachter nicht bemerken. Die Erklärung? Die psychische Kraft des Hasses ist wohl größer, als wir glauben. Übrigens, der Ring, den ich von dir bekommen habe, hat den Stein verloren und läßt sich nicht reparieren, läßt sich nicht. Ebenso ist es mit dem Petschaft. Willst du dich jetzt von mir trennen?«

»Ja, du weißt, wir wollen beide, aber wir können nicht. Ich lebe den ganzen Tag so intim mit dir, daß ich deine Gegenwart kaum vermisse, und ich finde es so besser, denn wenn wir zusammenkommen, ist Unfrieden. Es ist, als wenn unsere Körper sich nicht ertragen können.«

»Ja, so scheint es. Doch deine Aura folgt mir, und ich spüre aus der Ferne deine Gemütsstimmung mir gegenüber wie drei verschiedene Düfte, von denen zwei mir äußerst angenehm sind. Der erste ist wie Weihrauch, und er kann so dicht werden, daß er wie Hexerei und Wahnsinn wirkt, der letzte ist wie frisches Obst. Der zweite in der Reihe ist schwül wie Seifenparfüm und wirkt sinnlich unfreundlich. Aber in deiner Nähe spüre ich diese Düfte oder andere nie; also sind es keine Geruchswahrnehmungen im materiellen Sinne, sondern etwas wie eine Version. Und ich fühle mich nie uneins mit dir in deiner Abwesenheit; trennen wir uns nach einem Sturm, wo mein Haß so grenzenlos ist, daß mir die Worte fehlen, so legt sich, sobald du nur fort bist, der Haß, und eine stille, liebliche Ruhe tritt ein, in der ich mit dir so intim lebe, wie ich will. Alles, was ich spreche, denke oder schreibe, widme ich dir; Und wenn du mir zustimmst, habe ich deinen Geschmack im Munde, und dein Weihrauch wird Balsam. Um von dir loszukommen, suche ich bisweilen Gesellschaft, aber ich fürchte mich vor den Menschen, sie verletzen mich mit ihrer Gegenwart, sie verwirren unsere Fäden, und ich meine dir untreu zu sein – ja, liebe Freundin, das Universum hat Rätsel; aber die Menschen gehen umher – nicht wie Blinde, denn sie sehen wohl – verstehen aber nicht. – Wer du bist, wer ich bin, das wissen wir nicht. Aber als wir uns vereinigten, glaubte ich eine Leiche zu umarmen, die nicht deine war, sondern die einer andern … ich will nicht sagen, wessen.«