Sechzehntes Kapitel
Bei den Toten
Esther Borg ging an der Kirche vorbei und sah, daß sie offen war. Es war schön drinnen, und der Altar war mit Grün bekleidet. Draußen waren Tannenzweige gestreut und also ein Begräbnis zu erwarten. Es kamen Leute, und unter ihnen sah sie Graf Max, mit dem sie seit sechs Monaten nicht zusammengewesen war. Sie sah ihn, aber es war nicht er selbst, sondern einer, der ihm ähnelte. Dies nannte sie »sehen«, und nun wußte sie, daß er bald kommen werde.
Sie ging hinein, um zu warten.
Sie und der Graf waren damals auseinandergegangen, entschlossen, sich zu trennen; aber sie hatten so unter dem Bruch gelitten, daß sie wiederanknüpften. Dann hatten sie am Zusammensein gelitten und hatten wieder gebrochen, und dabei waren sie dies Jahr geblieben.
Esther ging auf die rechte Empore hinauf, warum wußte sie nicht, aber sie fühlte, daß dies der Platz sei, wo er sich wohl fühlen werde. Es sah so aus; er war nahe der Decke, hoch über der Menge, und man fühlte sich geborgen.
Nach einer Weile kam der Graf wirklich und ging ruhig auf Esther zu, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt.
»Hast du lange gewartet?« fragte er mit seiner gedämpften Stimme.