»Ja, aber du bist Weiberhasser!«

»Wenn ich es mir recht überlege, muß ich vielleicht ja sagen. Ich hasse alles Feindliche, und da ich sie hasse, ist sie der Feind. Und ist sie der Feind, so haßt sie den Mann. Die Geschlechter hassen einander, das ist wohl die Wahrheit, und dieser Haß ist vielleicht die Repulsion zwischen Entgegengesetztem, die in der Liebe zu Attraktion umpolarisiert wird. Du kannst also ebensogut alle Frauen Männerhasserinnen nennen, wie du mich Weiberhasser nennst. Intermittierende Ströme! Das ist die Liebe! – Aber die Frau hat immer eine gesunde Anziehungskraft auf mich ausgeübt, deshalb kann ich mit gutem Gewissen einen speziellen Frauenhaß nicht zugeben, mit dem ich allein dastände! Im Gegenteil, ich habe stets die Öde des Lebens empfunden, wenn die Wärme des Mutterschoßes fern war; aber seit ihr die Frauen zugrunde gerichtet habt, ist es nicht zu ertragen. Ihr sagt, ich hätte sie nicht festhalten können; ich antworte, ich wollte kein verfaultes Fleisch im Hause haben. Aber da kommt ja Kurt! Kennst du denn seine Ehe? Die war lecker, kann ich dir sagen!«

Der Architekt kam herein mit einem bebrillten Manne von unbestimmtem Aussehen. Der Bruder nickte und ging mit seinem Begleiter in eine Ecke des Saales.

»Ja, wie ist es mit seiner Ehe?« fragte Holger. »Es war alles so heimlich; ist es aus?«

»Aus? Ich hoffe es! Hör zu, wie es ihm ging. Er wurde in eine kinderlose Familie hineingezogen, und zwar in dem Augenblick, als die Ehegatten sich gegenseitig langweilig geworden waren. Er befreundete sich mit beiden; sie drängten sich ihm auf und schleiften ihn mit, um sich die Langeweile zu vertreiben. Die Folge war, daß er und sie sich ineinander verliebten; der Mann kuppelte, ohne es zu wissen, und eines schönen Tages unterrichteten sie, um loyal zu sein, den Mann von ihrer Neigung, worauf die Frau nach Paris reiste, um geschieden zu werden. Kurt wartete, und nach geraumer Zeit sollte sie nach Hause kommen. Da er ungeduldig war, fuhr er ihr bis Södertelje entgegen. Der Zug hielt; Kurt ging durch die Wagen, um die nichtsahnende Braut zu suchen. Schließlich kam er an ein Rauchkupee. Da lag seine Geliebte, den Kopf auf dem Schoß eines fremden Herrn, und rauchte eine Zigarette. Kurt geriet nicht aus der Fassung; er lüftete den Hut, bat um Entschuldigung und tat, als erkenne er sie nicht. Aber als er ins Nebenkupee ging, kam die Dame ihm nach und fiel ihm um den Hals; sie weinte und schwur, es sei nichts dabei; ein Freund, der ihr für die Reise seinen Schutz angeboten habe. Da Kurt selbst ehrenhaft und treu war, glaubte er, sie sei es auch. Deshalb hält die Frau den Mann für dumm! Jetzt weißt du es! Also gut, der Freund wurde vorgestellt und war diskret genug, am ersten Abend zu verschwinden. Am nächsten Abend aber soupierten sie mit Verwandten zusammen, und der Freund war dabei. Da wurden vertrauliche Worte und Blicke zwischen Freund und Braut gewechselt, so intime, daß Kurt schließlich die Fassung verlor, eine Szene machte und seinen Teller auf den Boden warf. Ganz plötzlich fand er sich in der Rolle des lächerlichen Ehemanns, heiratete aber schnell, auf jeden Fall. Nun saßen sie da und langweilten sich, ganz wie früher sie und ihr Gatte. Wie köstlich! Sie konnte nämlich nur in Saus und Braus leben. Er mußte mit ihr ausgehen. Dann lebte sie auf, wenn sie im Restaurant die Blicke der Herren auf sich zog, und es war ihr ein Genuß, den Mann leiden zu sehen. Ihr ganzes Dasein hing davon ab, daß der Mann gequält wurde. Und er mußte den glücklich Verheirateten spielen, wie alle, die mit geschiedenen Frauen verheiratet sind. Er sollte ja ein lebender Beweis sein, daß der erste Mann ›sie nicht hatte glücklich machen können‹. Und um den ersten zu zerschmettern, wollten sie jetzt Kinder haben. Kurt hält sich nämlich für einen furchtbaren Matador in dieser Beziehung. Aber siehe da, sie bekamen kein Kind. Also: er auch nicht! Jetzt begann die Hölle für ihn in ihren ständigen Vorwürfen. ›Es gibt keine Männer mehr,‹ sagte sie. Daß es ihre Schuld sei, kam nicht in Frage.

Was tat Kurt? Ja, was sollte er machen? Er schaffte sich ein Verhältnis an und ein Kind. Er mußte doch seine männliche Ehre retten. Die Frau verließ ihn. Aber Kurt hatte doch die ganze Schande. ›Er hat die Frau eines andern verführt, und dann hat er sie sitzen lassen.‹ Aber er hatte sie nicht verführt. Das war egal! ›Er hatte die Frau eines andern verführt!‹ Daß die Frau ihn sitzen ließ, darum kümmerte sich niemand. Gut, jetzt ist er frei, aber kannst du glauben: seine Gedanken beschäftigen sich noch heutigentags mit dem Freund im Kupee. Er hat wohl sämtliche Bekannte gefragt, ob sie glaubten, daß es etwas gewesen sei. – Ja es ist heutzutage verwickelt!«

Jetzt betraten den Saal ein großer fetter Herr, eine Dame und drei Kinder.

Die Dame sah sehr gut genährt aus und hatte einen zu kleinen Kopf auf den Schultern.

Der Doktor blickte einen Augenblick auf die Gesellschaft, zuckte zusammen, wendete sich zum Fenster und hielt die Hand vor die Augen, mit einem Ausdruck zwischen Lachen und Weinen. Als die Gesellschaft ein Stück entfernt war, sagte er mit komischer Salbung:

»Da geht meine erste Frau mit ihrem zweiten Mann (oder dritten, wer weiß). Diese Närrin, die als Neuvermählte sagte, sie lebe wie eine Nonne, und als das Kind kam, tat sie, als begreife sie nicht, wo es her kam. Dieser Kaltwasserfisch zwang mich durch sein idiotisches Geschwätz, mich scheiden zu lassen und mich wieder zu verheiraten. Sieh dir ihren Mund an, Holger, und hüte dich vor Kindermündern. – Und das war meine erste Liebe! – Ich glaube bisweilen, es war nicht Dummheit, sondern Bosheit. Sie war eifersüchtig auf mich, weil ich sie gekriegt hatte. Die Ehre war zu groß, deshalb mußte ich ihrer beraubt werden! Sie war das größte Vieh, das ich gekannt habe, und deshalb machten alle meine Gegner sie zu dem höchsten Wesen; sie sagten, ich hätte alles von ihr bekommen, sogar mein medizinisches Wissen. Alles, was der kleine Mund sprach, war so boshaft, daß ich ihr einmal einen Nagel durch die Zunge schlagen wollte. Ich hoffe, ihr Dickus dahinten wird es ihr besorgt haben. – Ja, Holger, so ist das Leben, und ich habe es nicht gemacht.«