Das Ritterhaus war freilich gestürzt, aber die Majorität der ersten Kammer wurde dennoch von Beamten und außerdem von Rittergutsbesitzern, meistens Edelleuten, gebildet.
Es war also im großen und ganzen ein Reichstag wie im alten Rom mit Patriziern und Plebejern. Bei genauerem Hinsehen schienen freilich die Plebejer das Übergewicht zu haben, und das mußte einen Liberalen freuen; doch bei noch näherer Betrachtung stellte sich heraus, daß die Plebejer konservativ waren.
In dieser babylonischen Verwirrung verlor Gustav Borg den Kopf. Seine etwas abstrakten Vorstellungen von Politik verleiteten ihn zu dem Glauben, der Reichstag werde sich mit staatsrechtlichen Theorien beschäftigen, während er doch die Aufgabe hatte, für die momentanen Bedürfnisse der Mitbürger zu sorgen. Er hatte den Kopf in seine eigene Schlinge gesteckt, da er stets das Recht der Mehrheit verfochten hatte und nun die vom Volk gewählte Mehrheit am Ruder sah. Schweden war damals ein Ackerbauland, deshalb hatten die Landwirte die Majorität. Das war logisch; und die Bauern waren jetzt an der Reihe: ihre älteren Klagen wurden aufgenommen, alte Ungerechtigkeiten vor Gericht gezogen. So weit konnte er mitgehen. Aber als diese selbe Majorität in Kulturfragen Gesetze aufstellen, bestimmen wollte, was die Nation glauben und denken, wie die Jugend erzogen werden solle, als sie diejenigen, die an der Zukunft arbeiteten, ins Gefängnis zu werfen beabsichtigte, da mußte er eingreifen und gegen seine Plebejer blank ziehen. Damit kam er in Streit mit sich selbst und begann zu schwanken.
Die Mannigfaltigkeit der Faktoren machte die Berechnungen kompliziert; denn wenn er sah, wie die Königsmacht durch die neue Staatsform geschwächt wurde, konnte er nicht unterlassen, die Plebejer zu stützen, trotz ihrem Geiz, ihrer Unduldsamkeit und Trägheit. Es gab Augenblicke, in denen er die Zeit der Freiheit wiederkehren sah. Der Reichstag stürzte ja die Ratgeber des Königs, die Bauern setzten Ausschüsse ein, bevor die Wahl in der Kammer vor sich ging; häufig wurden Anträge eingebracht, die Apanage des Königs einzuziehen, und man diskutierte den Hofhalt der Prinzen.
»Jetzt sind wir nicht weit vom Namenstempel!« sagte der Redakteur in einem Augenblick der Hellsichtigkeit
Alle älteren politischen Begriffe lösten sich auf, es wurde große Wäsche gehalten, bei der Wergleinwand und feines Tuch zusammentrafen; und es war fast unmöglich, schwarz und weiß, mein und dein zu unterscheiden. Man stand dem großen Paradoxon gegenüber: die konservativen Plebejer haben die Königsmacht gestürzt; und dieser dreifache Selbstwiderspruch wirkte wie ein elektrischer Aal: man konnte ihn nicht mit Händen greifen, teils, weil er glatt war wie ein Aal, teils weil er geladen war. Man bekam einen Schlag, wenn man ihn anrührte, und er schlug nach allen Richtungen aus, nach rechts und links, nach oben und unten.
Nun kam das Neue und veranlaßte die Menschen, von etwas anderm als von Bauern zu sprechen. Das war die sogenannte soziale Frage; die Grundfesten der Gesellschaft wurden untersucht und vor Alter und Feuchtigkeit baufällig befunden, so daß man auf ihnen nicht weiter zu bauen wagte, in der Befürchtung, das Haus möchte einstürzen.
Die Panik, die jetzt entstand, ergriff zuerst die Oberen. Die Oberen, die Leichtesten, die deshalb oben schwammen; die Oberen, die Schwächsten, die deshalb da oben Schutz und Halt suchten, waren natürlich die Ängstlichsten. Aber die Furcht verbreitete sich, und eines schönen Tages wurde den Kämpfenden, den Wachsenden, den Liberalen auch bange. Man hatte nämlich begonnen, die Familie zu diskutieren, und hatte sie für individuell und persönlich wachsendes Leben zu eng befunden. Da die Alten der Ansicht waren, die Gesellschaft sei auf die Familie gegründet, so glaubten sie die Gesellschaft bedroht. Nun basiert aber weder der Staat noch die Gesellschaft auf der Familie; denn der Staat hat gar keine Ähnlichkeit mit der Ehe, sondern die Staaten sind aus dem Zusammenschluß freier Männer zu gemeinsamem Schutz entstanden. Das machte nichts, man blieb dabei, die Familie sei das Fundament der Gesellschaft. Und es war nutzlos, einzuwenden: mag immerhin die Familie das Fundament sein, wenn aber dies Fundament nicht mehr hält, so müssen wir an anderer Stelle neuen Grund legen und Neues bauen.
Bei der Untersuchung des Begriffs Familie machte man ausfindig, daß zwei Menschen bei der jetzt so raschen Entwicklung keine dauernde Sympathie, ohne die das Zusammenleben der Ehegatten unerträglich ist, fürs ganze Leben schwören könnten. Das stark hervortretende Streben nach Persönlichkeit widersprach gegenseitiger Unterwerfung; das Hinaustreten der Frau in Arbeit und öffentliches Leben hinderte die Entwicklung des Familienlebens und die häusliche Erziehung der Kinder. Die Erfahrung zeigte ja, wie sich die Zahl der Ehescheidungen erhöhte; und diese tief schmerzliche Operation wollten die Alten in ihrer verständnislosen Art dem Leichtsinn zuschreiben, obwohl die prozessierenden Parteien genau wußten, daß sie dem schlimmsten, was es gab, der Sklaverei, nur entflohen, um ihre Persönlichkeit zu retten. Als dann Kindergärten und Schulen die Erziehung der Kinder in die Hand nahmen, fiel die Erziehung im Hause weg. Die Häuslichkeit war ja im übrigen nur ein Zufluchtsort gewesen, wo alle Untugenden blühten; die Erziehung fing erst in der Schule an, wurde in der Kaserne fortgesetzt und begann von neuem ernstlich draußen im Leben.
So ungefähr wurden die Anklagen gegen die Familie formuliert. Und da ergriff die Panik auch einen so starken Mann wie Gustav Borg.